Außeneinsatz // Oct26/02 // Wir rollen durch Kopenhagen


// Anarchie in Dänemark

Kopenhagen ist der feuchte Traum der Berliner Grünen, vor allem wegen der Radinfrastruktur. Diese Leute waren wahrscheinlich noch nie in Kopenhagen oder aber sie gehen nie zu Fuß. Aber es ist wirklich nur ein Traum, er hat mit der Realität wenig zu tun. Denn hier wurde mitnichten irgendetwas dem MIV, dem motorisierten Individualverkehr, genommen um diese Infrastruktur aufzubauen, sondern den Fußgängern. Gefühlt sind alle Bürgersteige etwa einen halben Meter breit, daneben einen komplette  Standard-KfZ-Fahrspur, aber auf dem Hochbord und für Fahrradfahrer. Und dann kommen die Fahrbahnen für Autos. Also fahren die ganzen Radler, die genauso gestört sind wie ihre Berliner Verwandten, direkt und sehr selbstbewusst und auch schnell neben den Menschen, die sich noch fortbewegen wie Gott es gewollt hatte. Roland Stimpel vom Fuß e.V. (ich überlege wirklich, da Mitglied zu werden) würde hier Schreikrämpfe kriegen. Und ich fast auch.

Habe ich erwähnt, dass die fahrradenden Personen hier genauso behämmert sind wie in Berlin? Denn sie sind es. Das eigene Vorankommen ist das allerwichtigste und Rücksichtnahme kann man total knicken. Genau wie auf der Schönhauser Allee sind die beklopptesten Exemplare einfach zu erkennen: i) die runden Muttihelme zum Einen, zum Anderen alle Arten von Blumen- oder anderem Schmuck am Rad. ii) natürlich Leihfahrräder. iii) bisschen 2015er Hipstermäßig aussehend und mit dem kleinen Zoomerschnauzbart und einem alternden und klapperenden Fahrrad. Und iv) die Kombination aus allem. In der BRD haben sich Radfahrer allen ernstes kleine Winkerkellen oder sogar halbierte Poolnudeln an die linke Seite der Gepäckträger montiert, damit Autofahrer beim Überholen Abstand halten. Hier braucht man das als Fußgänger. Oder eher ein Wikinger-Langschwert, passt regional besser.

Tatsächlich kommt man auf den Fahrradbahnen gut voran. Etwas gewöhnungsbedürftig ist, dass diese an Kreuzungen gerne in die Linksabbiegerspur überführt werden, sodass sich Rad- und Autofahrer irgendwie sortieren müssen. Aber: keiner der Radfahrer drängelt sich rechts am PKW vorbei. In Berlin hätte man auf jeden Fall mit irgendeinem Fahrradirren rechnen müssen, der einem sogar beim schon begonnenen Rechtsabbiegevorgang noch an Steuerbord an der Kiste vorbeischießt, weil er/sie sich für unverwundbar oder so hält. Dafür wird sich links am auf dem Abbiegestreifen aufgestellten Kraftfahrzeug vorbeigedrängelt, gerne auch komplett Sorgenfrei in den fließenden Verkehr hinein.

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Wir fahren mit dem Bus zur S-Bahn. Der Busfahrer sieht aus wie Ulrich Siegmund und ist sehr gut gelaunt. Er hört die Kopenhagener Version vom rbb Inforadio (RIP!). Der Bus ist leer, sauber und die Sitze unbequem.

Um zum Ziel zu gelangen, muss natürlich umgestiegen werden und zwar in die Kopenhagener S-Bahn. Wenn Sie finden Berliner S-Bahnen sind rein mitfahrtechnisch unbequem, dann empfehle ich Ihnen eine Fahrt hier.

Konstruktionsbedingt sind die Fahrzeuge wenig laufruhig. Ein Zug besteht aus mehreren sehr kurzen zweiachsigen Wagen, welche durch Übergänge miteinander verbunden sind, wie wir sie auch aus neueren Berliner Baureihen kennen. Der Unterschied ist halt, dass zB die BR434 lange Wagen mit Drehgestellen hat. Dadurch ist der Wagenkasten quasi doppelt gegen die Gleislage gefedert. In Kopenhagen sind die Radsätze zwar gefedert gelagert, aber halt auch direkt am Wagenkasten angebracht, was ungleichmäßige Gleislage und Weichen mittelbar an die Fahrgäste weitergibt. Dazu hatte ein Radsatz des Wagens in dem ich fuhr eine so genannte Flachstelle. Dabei wird zB durch starkes Bremsen (und bei Vollbremsungen damit Stillstand des Radsatzes, denn Züge haben kein ABS) ein Punkt der Rundung des Rades abgetragen und es entsteht somit eine flache Stelle am Rad und eine Unwucht. Eine Flachstelle halt. Und das merkt man beim Fahren. Man kann auch Azubis so betiteln.

Bei den Straßenbahnen der BVG ist das ggf auch höhr- und spürbar, bei der S-Bahn Berlin ist so etwas verboten.

Mittig im Wagen sind die Türen situiert, der Sitz- ist vom Türbereich durch Glasscheiben und -Türen getrennt. Die Abteiltüren der S-Bahn werden per Bewegungsmelder an der Decke geöffnet, sodass man Leute ein bisschen debil gen Decke winken sieht. Geht auch mit einer etwas lässigen Handbewegung auf Hüfthöhe, aber der Däne ist unter anderem nicht lässig. Und umm sich mit den Dänen zusammen fortzubewegen sollten man die Berliner Manieren auspacken. Ich komme darauf noch zurück.

Ansonsten kommt einem die Fahrt Recht langsam vor. Die Sitze sind unbequem; sie haben einen merkwürdigen Winkel zwischen Sitzfläche und Rückenlehne.

Die Fahrzeuge sind innen sauber, aber so ziemlich jeder Zug ist außen mit Graffiti verschmiert. Die Meinungen können sich hier ja durchaus trennen; ich finde Graffiti nicht sonderlich ansehnlich. Und wenn Scheiben quasi komplett zugesprayt sind, ist der Innenraum echt dunkel. Unter anderem deshalb lehne ich auch fensterbedeckende Vollwerbungen auf ÖPNV-Fahrzeugen ab.

Im Ausstiegsbereich sind auch Mülleimer auch für Essensreste angebracht, dadurch müffeln diese Bereiche mehr als die Mitfahrgäste.

Aber: die Psychoquote in den Bahnen ist ZERO, zumindest bei den Fahrten, die ich so mitmachte.

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Die Dänen scheinen irgendwie zu verdrängen, dass auch andere Menschen als Individuum existieren. Ich finde es fast schwer zu beschreiben und als Berliner könnte man meinen, dass es in der Hauptstadt der BRD ja auch so sei, aber weit gefehlt. Der Eingeborene Berliner ist eigentlich ein solidarisches Geschöpf, wenn auch etwas rau im Umgang. Aber wenn sie einem Dänen begegnen und Ihre Wege sich ggf gegenseitig behindern, dann schaut das Gegenüber sie an, als ob er überrascht wäre, dass es auch andere Lebewesen auf diesem Planeten im Allgemeinen und in dieser Situation im Speziellen gibt. Möchten Sie gerade einsteigen und der Däne auch, dann rennt der Sie einfach um oder stellt sich in den Weg. Das ging mir auch in einem Restaurant so, wo eine dänische Prenzlmom ihren riesigen Kinderwagen einfach gegen meinen Stuhl rammte. Ich schaute sie an, sie schaute mich an und dann versuchte sie es nochmal. Die Dänen helfen sich nichteinmal gegenseitig. Was für Leute…

Ganz ehrlich: da sind mir die Norweger in ihrer halbwegs freundlichen, aber kühlen Distanziertheit um einiges lieber. Man versucht einfach von vornherein, sich nicht gegenseitig in die Quere zu kommen.

Hier ist sich einfach jeder selbst der Nächste. Und wenn jeder an sich selber denkt, ist auch an alle gedacht. Und das zieht sich durch alle Bereiche, in denen man Kontakt mit der indigenen Bevölkerung hat. Ich stehe vor einem Kaufhallenkühlregal und will mir einen Jogurt herausnehmen, da drängelt sich eine Dänin einfach vor mich um diverse Jogurtbecher einer näheren Prüfung zu unterziehen, sie ignoriert mich komplett und lässt sich auch Zeit. Auf der Fährfahrt gen Heimat steuere ich auf einen Sitzplatz zu und erreiche ihn auch fast, da überholt mich eine Dänin (eine andere, als die in der Kaufhalle) auf den letzten Zentimetern und lässt sich nieder. Immerhin guckt sie mich kurz an bringt ein freudestrahlendes „Oh, sorry!“ hervor, um dann ihre riesigen Kopfhöhrer aufzusetzen.

Witzigerweise ignorieren sie ihre Mitmenschen, was so etwas angeht, aber andererseits herrscht – das wurde mir auch von anderer Seite bestätigt – eine enormer Konformitätsdruck. Und siehe da, der Kleidungsstil der meisten Kopenhagener ist erstaunlich ähnlich.

Aber wenn man das weiß, kann man ja entsprechend handeln und sich ohen Schuldgefühle ebenso verhalten.

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Die Metro Kopenhagen, also die U-Bahn, ist fahrerlos. Die in Italien bei Ansaldo Breda hergestellten Fahrzeuge fahren automatisch und werden durch eine Betriebszentrale überwacht. Wenn man ganz vorne im Zug einen Sitzplatz ergattert, dann kann man aus den großen Fenstern die Fahrt durch den Tunnel beobachten, was schon seinen Reiz hat. Ich glaube, ich muss das mal Abends und mit etwas Schlagseite machen.

Gleich die zweite Fahrt fällt aus. Technischer Defekt. Wir bitten um Entschuldigung. Ein warnwestenbekleideter Mitarbeiter, der irgendwie aus dem Nichts materialisiert, schickt alle Fahrgäste der Fahrtrichtung aus dem U-Bahnhof, denn für die nächste Zeit läuft hier nichts mehr. Es gibt auch keine Ansage oder Anzeige, wann es denn möglicherweise weitergeht.

Das ist halt der Nachteil bei einem fahrerlosen System. Steht der Zug ggf mit technischem Defekt im Tunnel, dann muss erstmal jemand, der das Gefährt per Notfallfahrpult bewegen kann, da hinkommen. Und wahrscheinlich wird nicht überall technisches Notfallpersonal vorgehalten, welches sich dann den Rest des Tages, wo keine Störung vorliegt, in einer Kammer eines U-Bahnhofes rumlangweilt. Ein im Zug vorhandener Triebfahrzeugführer kann immerhin in seinem Gefährt direkt mit den Entstöhrversuchen beginnen.

Zudem ist das Metrosystem auch wirklich auf Kante genäht. Es gibt, wieder anders als bei der Berliner U-Bahn, eigentlich keine Möglichkeiten defekte Fahrzeuge auf der Linie von der Strecke in eine Abstellanlage zu fahren, sodass der Betrieb einfach weiterlaufen kann. Es gibt auch wenig bis fast gar keine Gleiswechsel, welche zumindest einen eingleisigen Betrieb um die Störung herum ermöglichen. In Berlin gibt es das alles und es macht die Berliner U-Bahn resilienter. Klar läuft das nicht alles glatt und die Ärgernisse mit der BVG sind vielfältig. Bei Störungen darf man auch gerne mal warten und hoffen, dass der erste oder zweite Zug der den Bahnhof erreicht nicht brechend voll ist. Aber dass wirklich gar nichts mehr geht ist meiner Erfahrung recht selten.

Also fallen Sie bloß nicht auf diese ganzen youtube-Stadtplanungshobbyexperten mit Abschluss an der Cities Skylines-Universität rein, denen beim Wort „Automatisierung“ schon die Hände zittern und der Schlüpfer nass wird. Technische Großsysteme brauchen genügend Menschen, die sie bedienen und Redundanzen, um den Ablauf auch im Störungsfall aufrechtzuerhalten.

Warum die Kopenhagener U-Bahn einem italienischen Konzern gehört, verstehe wer will. Warum musste die BVG ihre Fahrzeuge an eine US-Holding verkaufen um diese dann von der Holding zu leasen?

Die Züge sind übrigens nicht klimatisiert (das ist bei U-Bahnen sowieso technisch schwierig) und viel schlimmer: man kann nichteinmal ein Fenster aufmachen. Die Luft ist stickig und warm. Vom Design her gefallen mir die Züge aber richtig gut, die neuen BVG-Baureihen aber auch. Sie sehen futuristisch und aufgeräumt aus, mit klarer Designsprache.

Die U-Bahnhöfe liegen teils recht tief unter der Erde und sind in einem futuristischen Brutalismus gehalten. Geschäfte gibt es keine, dafür aber Abstellplätze für Fahrräder. Die Kopenhagener trauen sich übrigens etwas, was sich Berlin nie wagen würde: Fahrradfahrern wird etwas verboten. Ja, doch, das geht! Zu den Berufsverkehrszeiten ist es Verboten! sein Rad mit in die Bahn zu nehmen! Das ist für mich als Berliner eine revolutionäre Regelung, denke ich da an den Anzugheini mit seinem Fixiebike (Fick-Sie-Bike), der sich zu 0830 lokaler Zeit in eine volle Berufsverkehrsringbahn drängeln wollte. Vielleicht war der Typ ja ein Däne, aber sowas ist kein Einzelfall.

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Bei der Fortbewegung mit dem Auto gilt das gleiche Prinzip wie beim Jogurtaussuchen in der Kaufhalle. Jeder fährt für sich allein.

Ich bin eigentlich der gelassenste Autofahrer Berlins. Klar mecker ich auch gerne mal vor mich hin, aber eher im Stillen und ich lasse das nicht in meine Fahrweise einfließen. Wenn man mal so Dashcam-Videos sieht, dann gibt es eine Fülle an Leuten, die den anderen irgendetwas beweisen oder diese verbal oder fahrtaktisch belehren müssen. Nicht ich. Mein Autofahrermotto ist „lass die alle mal machen“. Ich nutze meine Hupe etwa zweimal pro Quartal und meistens, um Typen vor mir, der die Grünphase nicht mitbekommt, weil er/sie am Mobiltelephon hängt, freundlich daraufhinzuweisen, dass es jetzt weitergeht.

Leider kommt man mit „Lass die Alle mal machen“ nicht sonderlich weit in Kopenhagen. Das Prinzip ist „Sollen die alle selbst zusehen, wo sie bleiben.“ Sie müssen einfach ihren Stiefel durchziehen, denn der Däne ist kein kooperativer Fahrer, sondern eher ziemlich dreißt. Ich habe grün und will mich nach der Ampel in eine Fahrspur einordnen, da kommt von irgendwoher ein riesiger und sehr teurer SUV angeschossen, der sich vor mich drängelt und ich die Kollision nur mit quietschender Vollbremsung verhindern kann. Als ich auf die Spur neben ihm ziehe, schaut mich der Fahrer nur verwundert an. Ach, es gibt auch andere Autos hier?

An einer Kreuzung wollte ich freundlich sein und jemanden in den Verkehrsfluss hereinlassen. Geht ja in der BRD recht einfach: etwas langsamer werden, Lichthupe und dann kann der Benachrangigte einfahren und alles rollt weiter. Vielleicht bekommt man sogar eine Geste zum Dank! In Norwegen funktioniert das einwandfrei. Nicht so in Dänemark. Der andere wusste gar nicht, was ich von ihm wollte. Gut, so sind die Gepflogenheiten halt anders, da muss man sich anpassen als Tourist. Beim Autofahren in Dänemark denke ich nur für mich. Sollen die alle zusehen, wo sie bleiben, ich habe damit nichts zu tun.

Eine witzige Situation beobachtete ich als Fußgänger in einer Seitenstraße und dies ist nur ein Beispiel. Aus einem engen Bereich kommt ein Auto, ein anderer PKW fährt entgegengesetzt in die Engstelle rein, obwohl das Gegenüber gut zu sehen ist. Und dann stehen die sich da gegenüber und sind verwundert, wo denn jetzt er andere herkommt. Und warten. Und warten. Immernoch. Sie warten, schauen sich verwundert an. Irgendwann kommt dem zweiten Fahrer die Idee, man könne ja jetzt zurücksetzen. Aber das geht nicht, denn ein weiteres Auto ist in die Engstelle eingefahren, obwohl es wirklch gut zu sehen ist, dass es hier gerade nicht weitergeht. Verstehe das, wer will.

Auf der Stadtautobahn von Kopenhagen stehen gerne herrenlose Fahrzeuge auf dem Seitenstreifen. Vermutlich mit Defekt, aber wo ist der Fahrer? Der wird ja wohl nicht losgelaufen sein, um den Abschlepper persönlich zu holen in einem Land, in dem man alles per Smartphone und Apps regeln kann. Was ist da los? Und warum gehen so viele dänische PKW auf der Stadtautobahn kaputt?

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Und irgendwann sind wir am Ziel angekommen. Anders als in jedem deutschen Kuhdorf mit vier Besuchern pro Tag pro Sehenswürdigkeit, das ihnen noch jeden Cent aus der Geldbörse zieht, ist Parken häufig kostenfrei! Ich bin schon so Parkautomatenparanoid, dass ich mehrfach auf Parkplätzen herumirrte um einen Automaten zu finden. Oder muss ich das per App, die ich nicht habe, bezahlen? Und dann fällt mir auf: Ach nee, kein Stress. Abstellen, ausmachen, abschließen, Abgang.

Außeneinsatz // Oct26/01 // Kopenhagen

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