Man braucht etwa 7 Stunden von Berlin nach Kopenhagen, wenn man per Auto und Fähre über Rostock/Gedser reist.
Autobahnfahren ist in der BRD wie immer eine Zumutung, vor allem wenn Mann ein Auto hat, was nicht entweder super langsam, wie Lastkraftwagen oder die ganzen debilen Grauhaarregimenter mit ihren Wohnwagengespannen, oder super schnell, wie die ganzen Speedvollpfosten in ihren Hochpreiskarren, ist. Dazu kommt die Altherrenriege, die trotz SUV mit Motoren aus dem PS-Segment „Jäger90/Eurofighter“ mit 50km/h von der Einfädelungsspur einem vor die Haube ziehen. Mein wunderbarer low tech-Geländewagen hat kein ABS oder ESP oder Airbags, das macht das ganze noch spannender. Und ich sage Ihnen, keine Airbags zu haben diszipliniert beim Fahren ungemein.

Die Fähre ist ein Hybridschiff mit einem sonderbaren Turm auf dem Dach, der wie ein Segel wirkt. Das Passagierkontingent besteht aus i) polnischen Handwerkern auf Montage, ii) international diversen Rentnerreisegruppen, die es auch hier schaffen, überall im Weg zu stehen und trotz Reisewunsch unglaublich uninteressiert an allem wirken und iii) mir.




Nach dem Anlanden des Truppentransporters („!!!STAND BY TO BEACH!!!“) geht es durch die Grenzkontrolle, die wir einfach durchfahren. Die Kontrollen sind stichpunktartig, aber sie machen mich immer nervös. Vor allem, weil ein guter Kumpel mal vor meinen Augen vom schwedischen Zoll verhaftet wurde und für 24 Stunden hinter schwedischen Gardinen landete, weil der Drogenspürhund anschlug. False positive, gefunden haben sie nix.
Rastplätze können in Dänemark übrigens genauso dreckig sein wie in der BRD. Das Fahren ist etwas entspannter, aber die geringen Differenzgeschwindigkeiten bedeuten, dass einem immer jemand im toten Winkel hängt.
Ich komme Abends in Kaufmannshaven (der erste, ursprüngliche Name Kopenhagens um 1250 rum) an und sehe vor allem beleuchtete Stadtautobahn, die um einiges großzügiger angelegt ist als die BAB100 und auch etwa 95% weniger Baustellen hat. Aber ich merke bei dem obligatorischen Abendspaziergang mit der wunderbaren Beifahrerin meines Lebens und einer Flasche Spätburgunder als Begleitung schnell, wo ich hier gelandet bin: im Prenzlauer Berg Kopenhagens.
Angekommen merke ich auch Recht schnell, wie sehr Berlin einen abwrackt, abfuckt. Erstens: Hier liegt kein Müll rum, nirgends. Sogar neben dem Innen nicht so sauberen Schnellrestaurant an der Autobahn liegt kein Unrat, anders als in der Heimat, wo eine Bürgerbratfilliale bedeutet, dass in einem Umkreis von zwei Kilometern unter jedem Strauch die Papier/Plastiküberreste des Protein/Plastikfraßes liegen. Zweitens: beim Begehen von Rasenflächen braucht man auch im Dunkeln keine Sorge vor den Hinterlassenschaften der miefenden Röchelvierbeiner haben und Junge, Junge, gibt es hier viele davon. Aber alle klein und wollig, keine abgestressten Großhunderassen, die eigentlich fürs Viehhüten auf hektargroßen Weiden gezüchtet wurden und nun im Innenstadtbezirk zum ultimativen tierischen Neurotiker mutieren. Drittens: Jugendliche, die kommen zu dritt im Dunkeln entgegen und mein Hirn schaltet schnell auf erhöhte Verteidigungsbereitschaft. Sie tragen Hoodies und schlecht sitzende Jogginghosen und … die Drei machen höflich Platz, denn der Fußweg ist nicht sehr breit. Ich fühle mich dennoch sofort heimisch, denn ich habe eine Straßenbaustelle vor der Unterkunft. Endlich Normalität.

Kein Wunder, dass der Wirtschaftsminister hierher hergezogen ist. Würde ich mit seinem Geld auch machen, denn es ist hier netter als zB in Kiel-Gaarden oder Berlin-Moabit.
A pro pos Moabit: diese bei uns Moabiter Kissen genannten Straßenhügel zur Erzwingung langsamer Geschwindigkeiten, in Berlin gerne mal mit heftigen Rampen versehen, die sogar beim langsamen Drüberfahren bei Patienten auf der Trage jede medikamentöse Schmerzbekämpfung durchbrechen, sind hier überall (in ganz Skandinavien überhaupt) und so angelegt, dass man bei passender Fahrt einfach drübergleiten kann. Sie dienen auch als Querungshilfe für Fußgangster.


Der erste Morgen beginnt genau so, wie ich als Nachtmensch und Nachtarbeiter das mag: langsam. Ich musste für den Urlaub tatsächlich meinen Rhythmus umstellen, denn was zu Sehen gibt es ja nun meistens tagsüber und ich bin auch nicht allein hier. Als ich mit meinem Nuttenfrühstück auf dem Balkon sitze, grüßt mich der ebenso verfahrende vom Haus schräg gegenüber, ich grüße zurück. Direkt gegenüber baut ein schwules Paar einen Schrank auf. Auf der Baustelle vor dem Haus wird tatsächlich seit dem Morgen gearbeitet. Der Tag kann beginnen.


