Außeneinsatz // May26/01


Ich fahre mit dem Auto durch die östliche Bundesrepublik, dabei nehme ich gerne auch mal lieber Bundesstraßen als Bundesautobahnen. Mir fällt immer wieder auf: Kleinstädte sind zwar teilweise mit neuen Bürgersteigen, frischem Asphalt versehen, haben aber kaum Straßenbegleitgrün, auch wenn es Platz dafür gäbe. Somit gibt es zwar eine grüne Landschaft um diese Städte herum, die Stadt selbst wirkt dafür aber extra trostlos, trotz der sauber gepflasterten Wege. Selten sind Menschen zu Fuß unterwegs.

Außer Lutherstadt Wittenberg. Hier gibt es Straßenbäume, dafür sind die Fahrbahnen mit teils so großen Löchern gesegnet, dass ich über meinen wunderbaren low-tech-Geländewagen froh bin, gerade im Süden der Stadt. Dort gibt es auch noch die VEB Chemiekombinate, die heißen jetzt natürlich anders. Es macht sich ein etwas undefinierbarer chemischer Gerucht in der Luft breit und die vielen Betriebskindergärten befinden sich direkt neben den Industrieanlagen genau in dieser Wolke. Und wenn das Werk mal havariert, dann haben alle ganz besonders viel Spaß, weil man dann neben der Schadensbekämpfung auch gleich noch aus den mehreren Betriebskindergärten die Betriebskinder evakuieren und sichten darf.

Im Süden Wittenbergs gibt es Norma, Netto (beide Splittergruppen) und Lidl. Ich vermeide es ja gerne, hier Marken zu nennen, aber in der BRD ist die Wahl der Kaufhallenkette, in der eingekauft wird, eine Klassenfrage und das Vorhandensein dieser drei Marken und keiner der hochpreisigeren Märkte drückt viel aus. Der eine Rewe ist im herausgeputzteren Altstadtteil Wittenbergs.

Ich war noch nicht viel im Westteil der BRD unterwegs, daher weiß ich nicht, ob es ein Ostdeutsches Phänomen ist, aber mir kommen Leute schon sehr misstrauisch vor. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich ein Typ bin, der allein unterwegs ist. Aber wenn man Menschen recht offensiv grüßt, bei Männern gerne etwas neutraler, dann verfliegt das oft. Meistens gucken die Leute sowieso eher auf mein Auto, ich bin, neben der Frage „Was für ein Typ fährt sowas?“, völlig uninteressant.

Und dann geht es wieder auf die Bundesautobahn und das Fahren auf Nord- und Mitteldeutschen Autbahnen ist furchtbar langweilig. Abgesehen von den paar Sekunden Horror, wenn wieder irgendwelche Deppen irgendwelche bescheuertsten Überhohlmanöver durchziehen oder gar nicht raffen, was um sie herum passiert. Seit dem der Treibstoff teuerer geworden ist, wird aber langsamer gefahren.

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Nachdem ich, weit nach meinem eigenen Zeitplan liegend, in einem schönen Hotel angekommen bin, geht es nochmal los in den Nachbarort zur einzigen Kaufhalle, die länger als 20 Uhr geöffnet hat. Ja, ja, ich weiß, ich heuchler. Aber der Hunger nagte dann doch. Meine Ausrede ist, dass ich ja bereits im Stau irgendwo hinter Gotha stehend, weil im Stau stehen gehört ja zum deutschen Reiseerlebnis auf jeden Fall dazu, bereits meine Reiseversorgung aus purer Langeweile wegfras. Und dass ich allen ernstes aus Langeweile fresse kommt im Jahr vielleicht zwei oder drei Mal vor.

Die Jugend am Rewe Waltershausen. Ja, nun, Rewe war der letzte offene Markt und außerdem kann ich mir so einbilden, selbst nicht zur Bevölkerungsgruppe zu gehören, die besser bei Netto einkaufen sollte. Das geht der Jugend auch so, denn auf dem Parkplatz stehen zwei sehr dürre junge Typen mit einem tiefergelegten und anderweitig getunten unteren Mittelklassewagen. In der Kaufhalle die zwei dazugehörigen Mädels, die so schon recht speckig sind und deren Bauch nochmal besonders aus den hautengen Leggins hervorquillt und der durch den einschneidenden Hosensaum in das mittlere und untere Abdomen sichtbar unterteilt wird. Es sieht grotesk aus. Nachdem ich aus der Kaufhalle komme, futtern sie draußen beim Tunerauto ihre gekauften Bio-Fertigsalate. Die gleichen Salate, welche auch die Bioprenzlmoms mit Lifestylezeitdruckstress fressen.

Ich schaue beim Weg zu meinem Auto wahrscheinlich etwas länger zu ihnen als mir bewusst ist und sofort beginnt das Posieren. Nicht aggro, nicht auf mich zu kommend, aber hochgezogene Schultern, leicht abgespreizte Arme, fordernde Blicke. Vor ihren Mädels. Die Jungs sind so stolz.

Die Rückfahrt ins Hotel im heftigsten plötzlichen Platzregen. Ich bin wieder das Verkehrshindernis. Diese Straße fahre ich zum ersten Mal, es gibt keine Möglichkeiten irgendwo anzuhalten und die Sichtweite ist übel.

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Ich bin ein ausgeprägter Nachtschwärmer und meine nächtlich verfügbare Zeit wird meist eher durch die Anforderungen von Hotels an ihre Gäste (am nächsten Morgen Auschecken, Frühstück etc) begrenzt, als durch meinen Willen ins Bett zu gehen. Aber erst um drei ins Bett zu gehen, wenn man anfangen muss, sich um neun gesellschaftsfertig zu machen ist der Erhohlung auch nicht nützlich. Leider war ich heute wirklich spät dran und meine Abendtour beginnt gegen 22:00 Uhr in Friedrichroda. Es regnet immernoch. Es ist mir egal.

Im Ort ist tatsächlich noch etwas Leben. Kneipe, Restaurant haben noch geöffnet und ein paar Leute laufen auch herum. Sowieso ist bis kurz vor Mitternacht auf der Hauptstraße noch PKW-Verkehr. Als ich mal nachts durch Nazi-Dippoldiswalde lief, war da gar nichts mehr. Keine Menschenseele weit und breit zu sehen, außer einem anscheind ebenfalls nächtlicher Streifzüge zugeneigten Wesen. Nur der Bahnhof und der Stadtpark sind fast völlig leer. Am Rande des Parks sitzt ein etwas businessmäßig aussehender Typ, der seine Augen in das irre hell eingestellte Licht seines Smartphones hält. Ich kann ihn und sein Licht durch den ganzen Park sehen. Lichtdisziplin, Leute, Lichtdisziplin!

Aber es gibt hier jetzt keine saufenden und marodierenden Jugendlichen. Dabei gibt es sogar einen Trinkpavillon. Ist aber nur für Quellwasser und ab 1800 abgeschlossen.

Doch hier bin nur ich, und ich wäre wahrscheinlich besser abgedichtet als die. Ich hab bestes Grünzeug, auf märkischem Boden gedeiht. Und somit tue ich das, was die Jugend hier nicht tut: nachts heimlich im Stadtpark kiffen. Es hat aufgehört zu regnen, es ist recht warm. Die Stadt hat eine sehr warme Farbe für die nächtliche Parkbeleuchtung gewählt, was mir gefällt.

Der Park ist weitläufig gestaltet, mit schönen Bänken, von denen man aus wahrscheinlich einen schönen Blick aufs Tal hätte, wäre es nicht Nacht mit niedriger Wolkendecke.



Generell saufen die Kids auch nicht mehr so viel wie früher. Vllt bisschen buffen, aber das war’s. Wir haben schon lange keinen Minderjährigen, somnolent, kotzend und Teeniehormone ausschwitzend aus einer Berliner Parkanlage gezogen, der dann in der grell ausgeleuchteten Kindernotaufnahme erstmal den Alkomaten und dann die verfügbaren WIndeln austesten darf.

KATZE!
WALD-DÖNER-WALD

Die zwei Dürren vom Rewe-Parkplatz werden die Nacht noch mit dem Speckimädels rummachen, während ich mich in Friedrichsroda andauernd verlaufe. Aber schön ist der Ort! Es gefällt mir hier. Sogar im Dunkeln kann man die Berge über Friedrichsroda erahnen. In so einem Tal zu sitzen und auf die Berge darüber zu schauen finde ich jedes mal sehr schön.

Und was einem natürlich jedes Mal auffällt, wenn man irgendwo anders als in einem unserer Großstadtdreckslöcher ist: es ist sauber hier. Ja, anscheinend mag die Jugend hier Grafitti, ja, Haltestellenhäuschen sind auch hier entglast, aber es liegt nirgendwo Müll rum und besprayt werden eher nur irgendwelche grauen Wände und Kästen, aber keine Denkmäler oder schöne Gebäude.

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Was ich auf anhieb fand, war natürlich der Bahnhof und die Haltestelle der Thüringerwaldbahn.

Anders als in Dippoldiswalde, wo ich einen Teil der Strecke der Weißeritztalbahn auf dem Schienenweg ablief, dass dann aber wieder sein ließ und den Wanderpfad neben der Strecke nutzte, weil es anstrengend ist auf Gleisen zu laufen, traute ich mich das hier nicht. Und ja, ja, ja, Bahnanlagen haben nicht betreten zu werden. Höchste Lebensgefahr. Schreiben SIe sich das hinter die Ohren, Sie (und ich) haben dort absolut nichts verloren. Aber nachts auf der Weißeritztalbahn bei Maltern fährt halt nachts um dreiundzwanzig Uhr wirklich kein Zug mehr. Man sollte dennoch Vorsicht walten lassen, denn Gleisanlagen sind auch 1A-Stolperfallen, vor allem wenn es dunkel und der Streckenläufer vielleicht nicht mehr so nüchtern ist.
Gerade letzteres war ein gutes Argument, nicht einen kleinen Teil der Thüringerwaldbahn entlanzulaufen, auch wenn es hier keinen Nachtverkehr gibt, denn diese ist elektrisch betrieben und signalgesichert, somit befinden sich zwischen und an den Schienen Erdungskabel, ggf Gleismagneten, Achszähler und andere elektrische Kontakte, die im Dunkeln gar nicht mal so gut zu erkennen sind. Es ist auch niemandem geholfen, wenn man dann stolpert und mit dem Kopf auf dem Schienenstahl oder einem der Kleineisen aufschlägt und man dann da im Dunkeln liegt. Und garantieren, dass nicht doch irgendwas rollt, kann man auch nicht. Daneben begeht man auch ggf Landfriedensbruch, denn solche Anlagen sind eher selten „öffentlicher Raum“. Daher erneut das public service announcement: Bahnanlagen haben nicht betreten zu werden.

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Irgendwann weit nach Mitternacht gehe ich die Straße zurück zum Hotel Straße hinauf. Eigentlich möchte ich nich draußen herumirren und nicht bereits mich in ein Bett legen, in dem ich um diese Zeit wahrscheinlich noch nicht schlafen kann. Nun, ich werde meinen Wunsch erfüllt bekommen.

An einem Kneippbad, was auch immer die damit hier in Thüringen haben und was auch immer das sein soll, lege ich noch eine kurze Pause ein und genieße die Ruhe und das Rauschen eines kleinen Baches, der entlang der Straße in den Ort läuft. Das mag ich auch sehr an Thüringen und Sachsen, diese kleinen Bäche, die durch Täler und Ortschaften fließen.

Plötzlich eine lauter werdende Stimme, aus Richtung des Hotels. Männlich, aggressiv, laut. Näher kommend. Und irgendwann klickt das Hirn mit seinen Anweisungen. Das ist mir privat sehr selten passiert und auch schon etwas länger her, während ich auf Arbeit damit dann und wann konfrontiert werde und dann fight or flight vollkommen unterdrücke und es mit taktischen Abwägungen ersetze, denn ich muss ja da bleiben und konstruktiv sein. Aber hier, im Urlaub?

Der Mann mit der lauten, aggressiven Stimme hat mich gesehen und ist auch Recht zügig unterwegs. Er ist nicht nüchtern. Ich vermute mal Meth, aber auch hohe Dosen Alkohol können den dafür empfänglichen Trinkertyp āhnlich fragil-extrovertiert werden lassen. Um zum Hotel zu kommen, müsste ich an ihm vorbei.

Es ist rennen angesagt. Keule will es wissen und er hat mich gesehen und wenn Keule extrovertiert wird, dann will er ein Ziel haben und das bin jetzt ich. Er hat im Laufschritt auch schon eine echt gute Geschwindigkeit drauf, auch noch gute Stimmlage und daher: Atmung. Keule ist ja anscheinend irgendwie aus dem nächsten Nachbardorf her gelaufen, kam er doch auf der Straße aus dem Wald. Der macht das wohl öfter. Er wankt nicht, kann seine Linie gut halten, was eher auf Upper als auf Alkohol schließen lässt. Koks? Macht eher fahrig, unschön anzusehen. Ich bleibe bei Meth. Bzw Keule da bleibt bei Meth, ich würde den das niemals  inkorporieren wollen. Dass ich initial gleich einen längeren Sprint hinlege, macht mich wohl noch interessanter und auch zeigt, wer hier die Beute ist. Aber stehen bleiben fürs Ego, um dann Kopftreffer von einem Meth-Zombie zu kassieren, ist auch nicht sinnvoll. Die beste Selbstverteidigung ist Abstand zu gewinnen.

Sein Brüllen ist hilfreich, so muss man keinen Sichtkontakt halten, um eine wenigstens ungefähre Positionsbestimmung zu haben. Und es ist viel einfacher sich zu entziehen, wenn man weiß wo das Gegenüber ist. Ich habe stehts mindestens 50m Abstand und auch Unterbrechungen der Sichtlinie dazwischen, aber er kommt mir immer hinterher, was auch purer Zufall sein kann. Ich beobachte also erstmal wo er hin will, damit ich ihn umgehen kann, wenn er mich nicht mehr sieht. Katz und Maus in Friedrichroda.

Rennen, auch teils etwas leiser, ist kein Problem, ich hab so Bullenstiefel an und im schnellen Laufen bin ich generell halbwegs gut. Immerhin etwas. Ich bin nicht zu blöd zum laufen. Ich muss kurz an alle Praktikanten und ein paar der Azubis auf Arbeit denken, die mit Anfang 20 gerade vom Babyspeck auf den Bauchspeck umsteigen und nach dem Aufstieg in das 1. Obergeschoss schon am fluchen sind. Was machen die eigentlich, wenn die mal richtig rennen müssen.
Ich bin zu warm angezogen, weil es erst regnete und genau dann aufhörte, als ich schon auf dem Weg war. Erst dachte auch noch daran, dass ich mich den ganzen Abend in Friedrichsroda verlief und der Methie ja jetzt wahrscheinlich Heimvorteil hat, aber in der Not lief die Navigation dann doch wieder recht gut und ich konnte den nun nach mir Suchenden an mir vorbeiziehen lassen.
So bin ich einem Thüringer Methie weggerannt. Was für ein Urlaub.

Hehehehe, HESS.


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