Ich weigere mich!


Es ist Sonntag! Für mich der schönste Tag in der Woche, vor allem der Abend, vor allem, wenn ich weiß, ich muss am nächsten Tag nicht arbeiten. Der für viele Menschen arbeitsfreie Sonntag ist noch ein Anachronismus aus kirchlicher geprägten Zeiten, aber er ist meiner Meinung nach immernoch wichtig. Einerseits haben hier, in einer hyperindividualisierten Zeit, viele dann doch die Möglichkeiten des familiären Zusammenseins ohne großes Jonglieren von Terminen, andererseits tut ein konsumfreier Tag der Gesellschaft auch gut. Und, ich wiederhole mich hier gerne, sollte der Sonntag als generell arbeitsfreier Tag durch wirtschaftliche Lobbyinteressen wegerodiert werden, damit die Bilanz so schön steigt, dann ist das ein gutes, respektive schlechtes, Zeichen dafür, dass Sie auch vielen der anderen im Verlauf der Gewerkschaftsbewegungen durchaus auch mit Blut erkämpften Arbeitnehmerrechten (wie zB dem Arbeitszeitgesetz) Gute Nacht sagen können. Meine steile These: fällt der Sonntag weg, dann steht es auch um Ihren Arbeitsschutz schlecht.

Und an Ihren Arbeitnehmerrechten knabbert die Wirtschaftslobby, stark vertreten durch unsere wunderbare Bundesregierung, ja bereits fleißig wie ein Abrissbagger mit Schneideaufsatz an einer maroden Stahlbetonbrücke. Passen Sie da nicht auf, durchtrennen die „da Oben“ die letzten Fallstricke in den sozialen Abgrund schneller, als die Feuerwehr mit dem Hydraulikschneider eine A-Säule vom Unfallauto. Kapiert?

Ich weigere mich, verkaufsoffene Sonntage zu nutzen. Mach ich nicht, gehe ich nicht hin, Rabatte sind mir egal (die sind sowieso eingepreist). Die Leute, die da arbeiten und sich den Wahnsinn antun müssen, sollten lieber die Sonne genießen. Und ich bin mir nicht sicher, ob im Einzelhandel, der auch gerne mal von der Anarchotyrannei nahestehenden Filialleitern bestimmt wird, Freizeitausgleichstage auch wirklich gewährt werden. Ich prangere das an und ich boykottiere das.

Und wenn Sie es nicht hinbekommen, Ihren Konsumwunsch um den einen konsumfreien Tag herumzuplanen, dann brauchen Sie sozialpädagogische Lebenshilfe. Das gleiche gilt für die Ausweitung von Spät- und Nachtarbeit. Ich habe eine Mitarbeiterin einer großen und teuren Kaufhallenkette im Bekanntenkreis und die Geschichten, die man da zu hören bekommt, sind genauso bescheuert, teils gewalttätig, wie die Stories aus Notaufnahmen und dem öffentlichen Personennahverkehr. Sie sehen das vielleicht nur von außen und sind nach dem Einkaufen damit durch, aber diese Leute müssen das alles mitmachen und können nicht weg.

Ihre Konsumlaune bettet auf den geschundenen Schultern und Rücken dieser Mitarbeiter. Übrigens: nach einer gewissen Uhrzeit, meist zwischen 21:00 und 22:00 Uhr, geht der Einkauf von Waren des täglichen Bedarfs hart zurück und wird durch Kaufen von Massen an Suff ersetzt. Nun gut, für Viele ist Alkohol ja auch eine Ware des täglichen Bedarfs. Klar gibt es dazwischen auch die Spätdienstler, aber die sind eine echte Unterzahl hier. Eine Kaufhalle muss nicht bis 24:00 Uhr aufhaben. Sie können Ihren Warenbedarf auch planen! Aber wer im tiefsten Winter erwartet, dass Sommerfrüchte und -obst in möglichst bester Qualität vorhanden ist, der merkt auch so nichts mehr. Hinweis hier: Ihre sonnenbelichteten Tomaten im Januar kommen aus einem Gewächshaus in Spanien mit Tageslichtlampen, welches durch wie Sklaven gehaltene und teils durch Banden nach Europa verschleppte Arbeiter betrieben wird. Lassen Sie sich den Salat gut schmecken!

Vielleicht haben Sie ja meine letzten beiden Beiträge zu der mangelhaften Fähigkeit heutiger Linker (bzw Linksliberaler) Fordern, Denken und Handeln unter einen intelligenten Hut zu bringen (und damit meine ich auf gar keinen Fall diese kopfengen Fahrradfahrermützchen mit dem Minischirm vorne dran; damit sieht jeder aus, als ob er gerade aus der Sonderschule ausgebrochen ist) gelesen. Aber ich kenne leider genug Leute aus diesem Umfeld, die es einerseits beklagen, dass sie am Sonntag nicht KAUFENKAUFENKAUFEN können (und irgendwas mit „Relikt von der Kirche“ und daher abzulehnen, labern) und andererseits eigene, sehr kuschelige Lohnanstellungen in Bullshitjobs als Sklaverei verstehen. Selbe Personen, selbes Mundwerk. Kein Bewusstsein für die doch recht gerade Linie beginnend beim Arbeitsrechteabbau in den Neofeudalismus. Hauptsache, die Mate schmeckt. Klischee, Klischee, ich bin immer wieder etwas hilflos, wenn sie so vollständig erfüllt werden.

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Lenin hätte sowas ers…

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Bin ich hier der Mensch mit der weißen Weste, der hier auf seiner moralischen Wolke hereinschwebt? Keinesfalls. Aber ich weigere mich, durch das Unterlassen einfacher Verhaltensweisen und etwas Alltagsplanung meinen Mitmenschen das Arbeitsleben, was ja tatsächlich schon überbordend und lebenseingreifend genug ist, noch beschissener zu machen.

Es geht mir auch gar nicht mal um irgendeinen Spätverkaufsladen oder ähnliches, sondern…

… ach wissensewatt: Scheiß auf die Relativierungen. Ich weigere mich auch, meine Meinung hier zu verwässern, um Angriffsvektoren auszuschließen.

Freier Sonntag ist geil, sogar für die, die Sonntags arbeiten dürfen. Weil es dann mal etwas entspannter zugeht.

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Schönen Sonntag! Genießen Sie ihn, so lange Sie noch können.


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