// Logbuch 19jan26


Junge, wie die Zeit vergeht…

//

Wenn man über einen mit viel noch nicht koaguliertem Blut, und damit meine ich wirklich viel Blut, besudelten Flokati läuft, dann entstehen dadurch schmatzende Geräusche. Tschlorp, Schlorp, Schlorp, Schlorp. Wenn man dann beim Herausgehen aus der Wohnung nicht daran denkt, dass man gerade wortwörtlich im Blut watete, ziehen die Einsatzstiefel eine blutige Fußspur bis zum großen Dienstwagen am Bordstein.
Zumindest das Treppenhaus haben wir kurz mit Desinfektionstüchern gewischt. Den Fußweg reinigt der Regen.


//

Er ist wieder da wieder weg. Der Kiezneurotiker, der Maschinist. Weg ist er. Vielen Dank für die vielen tollen Texte und alles Gute. Wegtreten!

//

Fefe ist auch weg. Zack, Schlaganfall. Beste Genesungswünsche! Herr von L. hatte mit dem Herrn R. vom CCC einen unregelmäßigen podcast, noch bevor alle einen podcast hatten. Und heute haben anscheinend alle einen podcast, ich glaube, sogar mein Chef hat einen podcast. Oder das Eichhörnchen vom Baum vor meiner Haustür.
Herr R. hatte sogar am Anfang den Anspruch, dass das etwas mehr sowas wie Internetradio sei. Mit Nummernsender! Ich hatte an vielen Sendungen sehr viel Spaß, einige höre ich gerade auch bei langen Autofahrten sehr gerne erneut.

Die Webseite von alternativlos.org ist inzwischen auch weg, aber die Folgen kann man auch bei youtube finden. Unserereins hat sie als files im eigenen Archiv.

//

Keine richtige „Arbeitsheimat“ zu haben, überall nur Gast zu sein, ist für mich, der vorher jahrelang auf der gleichen Dienststelle und davor ebenfalls in einer anderen Verwendung jahrelang tätig war, komplett neu. Einen Spind oder ein Fach für das Verstauen der persönlichen Sachen, wie zB von Privatkleidung oder der Essensdose oder der zweiten Thermoskanne Tee findet sich für die Dauer des Dienstes eigentlich immer, aber man kommt nie irgendwo an. Es ist etwas anderes, einfach seinen Schrank aufschließen zu können und zu sagen: jup, hier ist mein Duschbad, Handtuch, mein Notfallreservefressen und die Packung Gummi… bärchen und die Kugelschreiber und der kleine Schreibblock. Hier steht mein Nachname, hier ist der Platz, an dem ich mich umziehen kann und von dem aus der Dienst für meine Mitbürger beginnt und irgendwann auch wieder endet.

Ich schleppe meine komplette Garnitur Dienstkleidung, inklusive Wechselkleidung, jedes Mal zum Dienstantritt und wieder nach Hause. Habe ich mehrere Schichten auf einer Wache, dann findet sich vielleicht sogar ein Fach, an dem ich meine Dienstkleidung etwas länger lagern kann. Allerdings haben wir derzeit wieder so viele Leute in Ausbildung, dass für mich eigentlich nirgendwo Platz gibt. Nicht mal auf meiner vorherigen Dienststelle. Dort ist für mich als Person nicht einmal Platz. Ich quasi durch die jungen Menschen ersetzt worden, die ich vorher half auszubilden.
Small replacement theory.

Ich mache den Spaß jetzt schon zwei Monate mit und immerhin konnte ich es unterbinden, dass ich zwischen drei verschiedenen Einsatzorten wechseln darf. Es sind nur noch zwei.

Aber. Es gibt immer ein Aber. Immer. Bei allem. Aber am Ende hat es mir gut getan. Ich möchte im Moment gar nicht zurück. Ein kurzer Besuch vor ein paar Tagen fühlte sich irgendwie deprimierend an. Das liegt auch an dem Arbeitsweg dorthin, der recht lang und auch recht langweilig ist, vor allem nach so vielen Jahren.

Und so sehr ich meine Kollegen schätze, ist es auch schön, Abstand zu gewinnen. Arbeiten Sie jahrelang als (wechselndes) Kollektiv, entstehen auch Verbindlichkeiten. Kaffeekassen. Kuchen mitbringen (hab ich nie gemacht, ich mag Kuchen gar nicht so gerne). Wir haben Frühlings-Sommer-Herbst-Winter-Fest (nicht zutreffendes durchstreichen). WerWieWas? Kannst du Nudelsalat machen? Wir wollten uns so 1700 Uhr treffen. (Siebzehn Null Null Uhr! Damit man den ganzen Tag im Hinterkopf hat „oh schön, es ist zwar ein FSHW-Fest, aber ich muss heute noch zur Arbeit fahren.“). Ich mag meine Kollegen wirklich. Wir freuen uns, uns „da draußen“ wiederzutreffen. Aber ich bin gerade, unsozialistischerweise, von fast allen sozialen Zwängen des Arbeitslebens befreit. Ich bin ein rootless cosmopolitan. Ein Söldner.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin kein griesgrämiger Kollegenmuffel. Ich habe nur gerade so wenig soziales Drama,baby,drama in meinem Arbeitsleben, wie nie zuvor.

Dafür schleppe ich gerne auch meinen ganzen Blödsinn umher.

// A Place For My Stuff

Ich vernahm, dass auch die vom Home Office (das Wort ist nicht in italics, weil es ein deutsches Wort ist. Home Office wäre so etwas wie ein Innen- oder Heimatministerium) geplagten Büroarbeiter ebenfalls keine angestammten Arbeitsplätze mehr haben, sollten sie dann doch Präsenz zeigen müssen. Klar, wenn die Hälfte der Belegschaft ihre Tätigkeit von zu Hause ausüben kann, könnte man die Büroarbeitsflächen dynaaaaamisch belegen und somit €€€ sparen. Aber das ist doch auch scheiße. Nichtmal einen eigenen Schreibtisch, vielleicht besser noch mit abschließbaren Fächern, damit mit man da sein Notfallreservefressen, Kugelschreiber und einen dieser Elektrostäbe, mit denen man sich gegen (Miet-)Haie wehren kann, zu lagern. Nicht jedes Mal den verdammten Bürostuhl feinjustieren. Wissen, wer seine Grabbelfinger an Maus und Tastatur hatte. Persönliche Post-it Zettel. Ein Bild, von den Liebsten, damit man weiß, warum man sich den Blödsinn hier überhaupt antut.

//

Im Jahr Zwanzich Fünfundzwanzich is eine Menge Wahn- und Schwachsinn passiert.
Krankheiten, Unfälle, Insomnie, einer ist hinter schwedischen Gardinen gelandet, wir sind 250 auf der Autobahn gefahren, sich einen Zeh gebrochen und nicht zum Arzt gegangen, haben in internationalen Gewässern milde illegale Dinge getan, durch das Erzgebirge geschlittert, über Deiche gestolpert, haben viele schlimme Dinge gesehen und das meiste davon wieder vergessen, Geld verloren, Geld gewonnen, uns bedrohen lassen, gedroht, krank auf Arbeit gewesen und gesund zu Hause krank geschrieben.

Was nun Wahn- und was Schwachsinn ist, findet man immer erst später heraus. Hauptsache man kann darüber irgendwann lachen.

Ich grüße alle 1,25 Leser dieses blogs und wünsche ein ordentliches Jahr Zweitausendsechsundzwanzich. Ausführen!


Hinterlasse einen Kommentar