Logbuch: 13may25


Inhalt: Politblödsinn, Menschengucken

//

„Ich habe für diesen Splatterfilm keine Karten gekauft!“ – M. Uthoff

//

Friedrich Engels Merz ist nun doch Bundeskanzler geworden. Nur durch Zufall habe ich den Vorgang quasi live verfolgt (auf Phoenix, ich will ja dann und wann was haben von meinen Gebühren) und war erstaunt, wie Moderatoren es schaffen, logistisch bedingte Lücken im Procedere (Kanzler und Kabinett-in-spe müssen zwischen dem Bundestag und dem Sitz des BuPräs hin und her gefahren werden) mit kompletten Nichtigkeiten vollends verbal abzudecken. Manchmal tun sie dies mit kleinen Anekdoten aus dem Politbetrieb (Cem Özdemir ist vor 4 Jahren die Strecke mit dem Fahrrad gefahren. Das fand das BKA sicher super-lustig.), meistens aber mit Banalitäten. Sie brauchen gar nicht zuhören, sie haben nichts verpasst. Es fahren einfach eine Gruppe (im taktischen Sinne) Oberklassewagen vor dem Schloss Bellevue vor. Ein Wagen, ein Fahrer, ein Personenschützer pro Politfutzi und letztere steigen dann aus und werden von zwei Personen vor der Treppe empfangen, die nur dazu abgestellt wurden, Hände zu schütteln.

Jemand hätte den beiden Händeschüttlern bei der Auswahl ihrer formalen Garderobe helfen sollen. Einmal grauweiß, unförmig und mit Hochwasserhosen und Pömps, einmal grau-bläulich und schlecht sitzend. Ich besitze übrigens nur aus Zwang einen (1) Anzug und bin daher ausgesprochen geeignet, darüber zu urteilen. Mein Anzug sitzt wahrscheinlich auch schlecht. Ich habe erst neulich mit größtem Interesse die Information aufgenommen, dass man das Jackett beim Hinsetzen auf- und beim Aufstehen zu macht und dass nicht alle Knöpfe geschlossen werden. Wo habe ich das gelernt? Beim Vorzeigenarzissten Serdar Somuncu. Der muss es wissen. Krawattebinden hab ich mir mal selbst beigebracht und kann auch nur einen Knoten und die Krawatte sitzt wahrscheinlich auch schlecht. Sie ist aber noch von meinem Großvater, einem überzeugten Kommunisten.

Großer Bahnhof, großes Prozedere, um allem ein gewisses parlamentarisches Pathos zu verpassen. Die Präsidentin des Bundestages lässt die Originalversion des Grundgesetzes aus dem Archiv hervorkramen, als seien es die 10 Gebote. Deshalb muss man das Original auch mit weißen Handschuhen anfassen, das Grundgesetz ist sehr fragil. Und deshalb endet auch der werdende Kanzler sein Amtseid mit „so wahr mit Gott helfe.“ Die Präsidentin des Bundestages zeigt sich währenddessen sehr ungelenk in Handhabung und Vorzeigen der Ausgabe 1.

Als professioneller Menschengucker (ja, ehrlich, ich krieg Geld dafür, mir Menschen anzugucken, es ist furchtbar) ist sowas natürlich ein Event. Schön auch, wenn die Kameraleute und die Regie dem Zuschauer auch die Zeit geben, gezeigte Bilder aufzunehmen und sich anzuschauen. Und das ging bei Phoenix ganz gut.

Jup, die ganze Republik (also die Phoenixguckende Republik) hat es gesehen: Die Zomette auf der Zuschauertribüne ist abgesackt. Tja, dachte ich mir, so sind sie, die Zoomer. Aber ich verstehe es. Es muss der BKA-Typ (oder der Bundestagsschülerbetreuer?) kommen und nach dem rechten Sehen. Er tippt ihr mit dem Zeigefinger auf das Schädeldach. Warum? Warum nicht auf die Schulter? Ein unvorbereitete Berührung des Hauptes ist doch eine sehr nahegehende, für einige sogar intime, Sache. Alpakas zum Beispiel mögen es gar nicht, am Kopf angefasst zu werden.

Gut. Es war Nachmittags. Der ganze Spaß ging ja nun erheblich länger als geplant und irgendwann ist die Luft raus.

Und warum ging es länger als geplant?

Weil sich Mitglieder des Parlamentes wagten, ihre Stimme nach ihrem Gewissen abzugeben und somit Fritze Merz sich erst nach dem zweiten Wahlgang, der nach Beschluss aller Fraktionen am gleichen Tag statt finden solle, seinen Lebenstraum erfüllen konnte (das ist meiner Meinung nach Merzens einzige Motivation für das Amt. Ist einfach schön, der Chef zu sein. Ist es aber nicht.).

Zünglein an der Waage des Beschlusses der Änderung der Wahlordnung (eigentlich ist der zweite Wahlgang erst nach ein paar Tagen Abklingbecken vorgesehen) war wohl die Fraktion der LINKEN. Es gab hier wohl recht schnell Hinterzimmergespräche, um die Compliance der Fraktion abzuklären. Die LINKE stellte sich gerne dazu bereit, wollte man quasi nicht der Spielverderber im Parlament sein.

Damit hat sich die LINKE weiterhin eine sehr gute Berichterstattung eingekauft. Der rasche Aufstieg von den Wagenknechten hatte bereits im Vorfeld dazu beigetragen. Die LINKE ist nun nicht mehr die komische Ossi-Schmuddelpartei mit den schrägen Parteimitgliedern. Lange durfte ich nicht mehr „ex-SED-Nachfolgepartei DIE LINKE“ lesen. Auf Landesebene bereits selbstverständlich, ist die Partei ist nun vollends im politischen Establishment der Berliner Republik angekommen.

Tage nach der Vereidigung der neuen Bundesregierung teilte die LINKE dann der CDU mit, dass man gerne zu parlamentarischer Zusammenarbeit bereit sei, aber auch außerhalb von Vorgängen, wo „die Luft brenne“. Witzigerweise war das einer der Vorwürfe (Zusammenarbeit mit der CDU), welche Mitglieder gegenüber dem BSW machten, als dieses in eine CDU-SPD-BSW-Koalition (im schönen Bundesland Thüringen) eintrat.

Normalerweise müsste man sich ja freuen, dass eine linke Positionen wieder mehr Beachtung auch im Parlament finden und dass eine linke Partei gute Wahlergebnisse einfährt. Ich habe aber eher die Befürchtung, dass man derzeit die LINKE von innen heraus mit dem Löffel entkernt. Die Partei ist soweit auch „unpopuläre“ Regierungsentscheidungen mitzutragen, sollte es „staatspolitisch“ „notwendig“ sein. Immerhin hat die Fraktion gegen das wahnsinnige Sondervermögen zur sinnlosen Aufrüstung der BRD gestimmt.

//


Hinterlasse einen Kommentar