Endstation


Ich war schon mehrmals im Fernsehen. In den lokalen Abendnachrichten des runtergerockten lokalen Öffentlich-Rechtlichen. Die kein Geld mehr für eigene Programme haben, weil sie erst eine Menge Kohle für einen Rechtsstreit und dann für mehrere Intendanten abdrücken müssen, die teils sogar schon gar nicht mehr beim Sender arbeiten. Dafür halt dann der ARD-podcast, wir berichteten. Die Sportredaktion funktioniert noch. Weg sind Wissenschaftsmagazine und Auslandsreportagen.

In der Boulevardpresse war ich auch bereits zu sehen, auf dem XvormalsTwitteraccount eines Blaulichtreporters und dem hochoffiziellen Account einer Landesbehörde. Man wird halt herumgereicht, wie die kleine Nutte, die man als Einsatzkraft halt ist in dieser Stadt. Kaufen Sie mich stundenweise, Anruf genügt! Wir nehmen auch Karten! Pressemeldungen von Polizei und Feuerwehr habe ich auch bereits abgegriffen.

Warum muss ich hier GEZ zahlen? Ich bin doch quasi in der Produktion des content aktiv beteiligt. Ich zahl doch auch keinen Eintritt für meine Modelleisenbahn!

Die meisten Tätigkeiten finden im verborgenen statt. Davon kriegt der mündige Bürger gar nichts mit, außer dass der Dienstwagen irgendwo in einer Seitenstraße steht, durch die Sie durchfahren wollen es aber jetzt nicht können, weil ja der Dienstwagen da steht. Mit Blaulicht. Oder wenn wir an Ihnen vorbeifahren, den Fußgangstern und den Fahrradfaschos die Trommelfelle mit dem Signalhorn wegballern. Bedanken Sie sich bei der Automobilindustrie, denn da die Karren alle immer besser isoliert sind, muss das Horn lauter werden. Nützt aber nix, denn geschätzte 65 Prozent der Autofahrer hängen beim Fahren am Mobiltelephon (und deshalb fahren die alle auch so langsam los, wenn es an der Ampel grün wird) und kriegen sowieso erst was mit, wenn die riesige Scheißkiste mit erstaunlich kleinem Innenraum irgendwo aufschlägt.
Selbstverständlich können wir auch die Bürger abnerven, die sich anderweitig fortbewegen, zum Beispiel mit dem öffentlichen Personennahverkehr (fügen Sie hier einen Wortwitz über Berliner Sexclubs ein).

Sie kennen das. Garantiert. S-Bahn. U-Bahn.

Notarzteinsatz. Polizeieinsatz. Wir bitten… wir danken… Ihre Geduld. Dit bin Icke. Der Notarztpolizeieinsatz, wegen dem Sie Ihren Termin in Ihrem Kackbürojob jetzt verpassen. In Ihrem Anzug Axelschweiß entwickeln, der später im Meeting in Ihrem Anzughemd auch zu sehen ist. Und zu riechen. Mit hundert anderen Menschen auf einem Bahnsteig zusammengepfercht. Keine Bahn. Oder es ist eine da, aber sie fährt nicht weiter. Wir bitten, wir danken. Für Ihre Geduld.

Ich erzähle Ihnen jetzt, was auf unserer Seite passiert. Denn manchmal können Sie später vielleicht nachlesen, was los war. Eine Frau versucht in einer S-Bahn am Bahnhof Hackescher Markt Dinge anzuzünden. Oder ein Typ steigt zusammen mit seinem Gepäck voller hochexplosivem Sprengstoff am S-Bahnhof Neukölln aus der Bahn aus und die Sicherheitsbehörden befinden das Hantieren und Transportieren von hochexplosivem Sprengstoff als problemaaaaatisch und schreiten zum Handeln ein. Zum Meeting schaffen Sie es auch nicht, wenn sie mit dem Typen und mehreren Wagen in die Luft fliegen. Und danach wäre zwei Jahre lang während der Reparaturarbeiten Schienenersatzverkehr mit Bussen.

Aber es gibt viele Einsätze, von denen für Sie nur die Lautsprechermeldung und ein Tag voller durcheinandergebrachter Termine bleibt. Es wird nicht in den Abendnachrichten berichtet, weil, wenn man davon berichtet, dann fangen Leute an das nachzumachen. Statistisch erfasst. Wissenschaftlich untersucht. Gentleman’s agreement: Nachrichtensperre.

Wenn Sie kein Leid ertragen können, dann lesen Sie jetzt nicht weiter.

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Es gibt Leute, die möchten ihre Existenz beenden. Ich habe inzwischen genug Leid gesehen, dass ich dafür völliges Verständnis habe. Klar. Ultimatives Tabula Rasa. Ende Gelände. Endstation. Dieser Zug endet hier, bitte alle aussteigen (scnr). (Tun Sie’s nicht! Don’t do it!)

Methoden gibt es viele. Ich werde mich über sie ausschweigen. Bis auf eine: Die am wenigsten sozialverträgliche.

Wenn Sie den Schritt über die Bahnsteigkante vor den einfahrenden Zug machen, wird dieser noch etwa dreißig bis vierzig Kilometer pro Stunde fahren. Sie werden, je nachdem wie Sie fallen, erst auf den Gleisen landen und dann überrollt oder direkt mit dem Zug kollidieren und irgendwo hin geschleudert werden. Unter den Zug, neben den Zug. Auf das Gegengleis. Unter den Angstraum, der sich zwischen Bahnsteig und Gleis befindet. Und alle Anwesenden müssen es mit ansehen.

Servicetipp für die Leute, die lieber leben wollen: In nicht allen, aber inzwischen sehr vielen, Bahnhöfen ist unter der Bahnsteigkante ein vom Gleis aus erreichbarer Hohlraum. Dieser dient u.a. als Fluchtmöglichkeit, sollte man sich im Gleisbett des Bahnhofes befinden und ein Zug rollt ein. S- und U-Bahn fahren mit Strom, der aus Stromschienen seitlich der Gleise bezogen wird; in Bahnhöfen sind diese Stromschienen auf der dem Bahnsteig gegenüberliegenden Seite der Gleise. Die Stromabnehmer und andere elektrische und mechanische Anlagen der Züge reichen jedoch nicht in diesen Kriechgang unter der Bahnsteigkante, dennoch sollten Sie, wenn Sie sich denn hier unten wiederfinden, sich möglichst vom Zug fern halten. Dieser Hohlraum wird dreckig sein, es kann dort sogar Ratten geben. Aber er wird Sie retten.

Ein Ableben ist bei diesem Vorhaben übrigens nicht garantiert. Allein schon deshalb sollten Sie das nicht machen. Nicht machen. Nicht. Machen. Wenn Sie richtig Pech haben, dann fallen Sie vor den Zug, werden von dem noch erfasst und landen mit ihren Extremitäten auf den Gleisen und dem Torso neben oder zwischen den beiden Schienen. Ergo trennen Ihnen bei der Baureihe 484 z.B. Dreizehn Komma Fünf Tonnen pro Radsatz die Tentakeln vom Körper. Sie wachen später auf der Intensivstation der Charité Mitte auf, suizidal-depressiv und mit nur noch einem Arm. Marx würde sagen, ihre materielle Situation hat sich verschlechtert. Was wollen Sie danach machen? Sich selbst erwürgen?

Immerhin: die Schwestern in der Charité werden sowohl nach fachlichem Können ausgewählt, es scheint aber auch eine vom Land Berlin geforderte hohe Quote an schlanken, großen blonden Frauen in der ITS zu geben. Was ist hier los? Das nützt Ihnen natürlich absolutely goar nüscht, weil Sie haben ja nur noch einen Arm. Richtig blöde wäre es, wenn Sie nur noch ein Bein haben. Dann kann Mann nichmal wic…

Gut (oder eher nicht so gut). Andere Prämisse: Weg von der S-Bahn Berlin GmbH und hin zur BVG AöR. Gehen wir davon aus, dass Sie es schaffen. Schaffen im Sinne von Abtreten. Sie machen den Schritt von der Bahnsteigkante. U-Bahnhof. Der Zug vom Typ A3L 92 rollt ein. Ihr Kopf schlägt unterhalb des in Fahrtrichtung rechten Scheinwerfergehäuses ein. Der Triebfahrzeugführer ist zum Zeitaufholen zügig unterwegs und hat noch 60km/h auf dem Tacho bei der Einfahrt. Der Schädel knackt. Blut verteilt sich auf der Fahrzeugfront. Sie geraten unter das Fahrzeug. Der Kopf und ein Arm landen auf der Schiene vor dem ersten Drehgestell. Das erste Rad eröffnet die Schädelkalotte und drückt quetschend Arm und Schädel aus dem Weg. Der Körper verfängt sich in einem Bauteil und wird etwa bis zur Bahnsteighälfte mitgeschliffen, bis der Zug durch die Notbremsung zum stehen kommt. Mehrmals schlägt der Kopf mit der offenen Schädelkalotte gegen die so genannten Kleineisen und Schienenstühle, welche die Schienen mit den Schwellen zu einem befahrbaren Gleis verbinden. Es verteilen sich Hirnmasse und Blut in mehreren kleinen Pfützen entlang des Gleises.

Der Triebfahrzeugführer. Er hat alles gesehen. Hatte sogar Blickkontakt zum Grenzgänger. Die zwei Sekunden vom Tritt von der Bahnsteigkante bis zum Aufprall werden sich in seinem Kopf immer wieder abspielen. Wenn er die Augen zu macht. Wenn er eine weiße Wand ansieht. Wenn sein Gehirn eine Sekunde Leerlauf hat. Der Blick. Das Geräusch vom Aufprall. Überhaupt Geräusche. Fahrschalter auf Null. Bremshebel auf Notbremsung. Der Zug verzögert. Bleibt stehen. Zwei Sekunden. Immer und immer immer immer wieder.

Wenn Sie auch trotz ihrer psychiatrischen Diagnose noch einen Hauch von Solidarität in sich haben, dann machen Sie es nicht. Nicht. Machen.

Ja, ich renne noch schnell zum Dienstklo, als ich die Alarmmeldung lese. Das wird dauern. Auf dem Weg zum Dienstwagen greife ich auch noch die Packung Schoko-Haselnuss-Riegel, sie liegt neben dem Dienstrechner. Es wird dauern. Ich hatte noch kein Frühstück. Ich werde nicht der Erste sein, der da ist. Aber die erste medizinisch verantwortliche nicht-ärztliche Einsatzkraft.

Schnell sind sie, die Kollegen der Staatsmacht. Sie haben bereits den Zug geleert, den auf dem Weg zum Bürokackjob oder zum Drogenentzug oder zum Bimmel-Bammel-Vulvaklangschalentöpfern (it is Berlin, after all) befindlichen Bürger aus der Station geworfen. Ich steige aus meinem Dienstwagen und werde begrüßt. „WARUM GEHTS HIA NISCH WEITAAAAA?! EY DU, WAROOOOOM NISCH WEITAAAA???“ Die Zahl der Mitmenschen, die kein sauberes ch wie in „Nichte“, „wichtig“ oder „China“ aussprechen können, nimmt überhand. Isch finde das furschtbar.

Überhaupt Vulventöpfern. Es gab eine „Kunst“-Veranstaltung, von der auch ein Bild existiert, bei der Künstlernde sich in Rückenlage legten und ihre entblößten Unterleiber in die Höhe reckten, Beine angewinkelt oder gespreizt, um primäre Sexualorgane und das Rektum (Was ist die Mehrzahl von Rektum? Rekten?), welche mit erleuchteten Kerzenhaltern penetrierend drapiert wurden, zu präsentieren. Das sind, vermute ich stark, die gleichen Leute, die derzeit um die Kürzung des Kulturetats heulen. In einer Stadt, die derzeit doch große Schwierigkeiten hat ihre öffentliche Daseinsvorsorge aufrechtzuerhalten.

Die Zwischenebene des Bahnhofs ist leer. Mein Funkgerät macht Dinge. Ich gehe herunter. Ich disassoziiere jetzt schon. Bewusst. Ich möchte, wenn ich diesen U-Bahnhof wieder verlasse, derjenige sein, der ich vorher war. Ich werde es nicht sein. Aber jetzt bin ich meine Einsatzkleidung. Was der Hauptmann von Köpenick nutzte (die Uniform als Identität), um an Geld zu kommen, nutze ich, um nicht selber irgendwann in der Einrichtung mit den Anti-Rutsch-Socken zu landen. Das Geld hätte ich aber auch gerne.

Icke. Ich gehe die Treppe herunter und betrete den Bahnsteig. Mir fällt die Blutanhaftung an der Fahrzeugfront auf. Ein kurzer Blick vor den Zug erbingt keinen Erkentnissgewinn. Nix zu sehen.
Auf dem Fahrgastinformationssystem steht STROM AUS, was ich kurz für mich verbalisiere. Ein dunkelblau bekleideter Arm streckt sich plötzlich aus der Lücke zwischen Zug und Bahnsteigkante (Mind the Gap!) auf Höhe des dritten Wagens. Es ist ein Polizeiarm. Ich gucke in die Lücke und erblicke zwei Paar Augen. Nur ein Paar schaut zurück. Der Polizist ist jung. Ich schätze, dass er etwa 15jahre jünger ist als ich. Er war der erste, der da war. Ist unter die Bahn gekrochen, um vielleicht noch zu retten, was zu retten geht. Nur mit der Info, dass der Strom aus und der Zug gebremst ist. So sind sie, unsere jungen Cops. Vorwärts stürmen wo Engel furchtsam weichen. Leider habe ich den Kollegen im Einsatz irgendwann aus den Augen verloren, daher jetzt hier: Respekt. Polizisten zeigen häufig eine uneitle Hilfsbereitschaft, an der ich mich gerne mehr orientieren möchte, aber ich bin als Sanitäter auch schon abgefuckt und es geht nicht immer. Ich wünsche dem Kollegen, dass er in diesen Tagen gut schläft und isst oder viel Sex hat, weil das ein gutes Antidot ist. Wenn man viel Tod sieht.

Ich sage ihm, dass er da rauskommen soll, bedanke mich. Als er am Bahnsteigende aus dem Gleis krabbelt wird er von seinen Mitpolizisten eingeschwärmt, es wird abgeklatscht, der Polizist sieht optimistisch aus. Und so unglaublich jung. Mein Notarzt steht auf einmal neben mir. Ich bin froh, dass er da ist. Ich übergebe ihm kurz die Lage, zeige in die Bahnsteiglücke. Wir schauen uns kurz an und seufzen. Es kommt ein weiterer Arzt mit großen Feuerwehrschulterklappen. Todesfeststellung erfolgt nicht auf weite Sicht. Man sollte die Leiche schon berühren. Jetzt sind wir dran. Unter den Zug zu klettern. Taschenlampe. Helm noch kurz justiert. Durchatmen. Arbeitshandschuhe anziehen. Der örtlich oberkommandierende Feuerwehrhäuptling versichert sich noch zusammen mit dem BVG-Notfallmenschen, dass die Kurzschließer gesetzt sind. Wir wollen nicht als Grillhähnchen enden.

Während der Wagenkasten Orange-Gelb, die Kacheln an den Stationswänden rötlich sind, ist alles jehnseits dessen grau in verschiedenen Abstufungen. Ich schaue mir kurz die mechanisch-elektrische Verbindung (Scharfenbergkupplung) zwischen den Wagen an (wenn man schonmal so nahe dran ist…) und gehe dann auf alle Viere. Krabbel den Kriechgang zwischen Bahnsteig und Zug entlang. An einem Kleineisen hängen circa 50ml Blut-Hirn-Konglomerat. Weiter. Kurzer Halt an einem Stromabnehmer. Einerseits finde ich das Bauteil, was die Stromschiene von oben bestreicht, interessant und sehe es zum ersten Mal richtig nahe, andererseits habe ich in dem Kriechgang vor mir eine Minipizza-große Lache an Menschenmaterial, um die ich nun herum oder herüber kommen muss. Vorsichtig vermeide ich erfolgreich den Kontakt. Einen Wagen weiter kann ich im Halbdunkeln den Toten sehen. Von oben leuchtet ein Feuerwehrler, meine Unterwelt verschluckt das Licht jedoch. Styx in der Berliner U-Bahn.

Tote sind anders. Wir als Lebende haben gewisse einprogrammierte Routinen, um den Kontakt mit Leichen u.a. aus Infektionsschutzgründen so gering wie möglich zu halten. Tote und Lebende sind nicht kompatibel.

Diese Programmierung wird Ihnen möglicherweise erst bewusst, wenn Sie mit Toten zu tun haben. „Der erste Tote“ bleibt vielen Berufseinsteigern im Gedächtnis, ist der Anblick des Nicht-Lebenden zwar doch sehr vertraut, aber halt auch irgendwie anders.

Ich habe meinen ersten Toten längst vergessen.

Unter einer BVG-U-Bahnbaureihe A3L 92 machen der Notarzt und ich eine vorläufige Leichenschau. Kopf bis Fuß. Ich drehe die Leiche, damit der Arzt sich den vorderen Thorax- und Bauchbereich ansehen kann. Durch die Lageveränderung fließt Hirn aus einem kreisrund eröffneten Schädel. Nicht-natürliche Todesursache. Mit dem Leben nicht zu vereinbarende Verletzungen.

Ich bin gefasst. Mir ist nicht übel. Ich habe Hunger. Auf dem Bahnsteig schreibe ich mein Bericht auf einem Tablet. Das Dokumentationsprogramm stürzt ab. Der Notarzt schreibt auf Papier einen vorläufigen Totenschein. Ich gebe ihm einen Schoko-Haselnuss-Riegel ab.

Es kommt die Kriminalpolizei, die sich noch kurz mit uns unterhält. Die Gerichtsmedizin, welche die Leiche abtransportiert. Und so schnell dieser Einsatz per Alarmfax für uns begann, ist er für uns nun vorbei.

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Oder ist er es nicht?

Ich bin über eine Eigenschaft meines Gedächtnisses sehr dankbar: Bereits wenige Tage nach diesem Ereignis sind diese Bilder in meinem Kopf wie verpixelt abgespeichert. Aber sie sind da, ich muss nun damit Leben, dass sie in meinem Kopf existieren und dann und wann ungefragt wie eine dieser Reise-Dia-Shows im örtlichen Kulturzentrum (gibt es die eigentlich noch? „Leif Bergwanderson – Reisevortrag LAPPLAND 2014“) auftauchen.

Irgendwann wird die Fahrgastinformation verkünden, dass die Züge wieder fahren. Unregelmäßige Zugfolge. Bitte. Geduld. Danke. Verständnis. Sie kommen zu Ihrem Bürokackjob, den Sie hassen. Kollegen zucken mit den Schultern. S-Bahn. U-Bahn. Kannmannixmachen. Die Idioten alle wieder. Wie kann es so schwer sein, Züge fahren zu lassen. Drecksladen. Der Triebfahrzeugführer zittert wahrscheinlich immer noch.

Ich fahre auch. Der Tag geht weiter. Versorge Patienten, die noch leben. Ich freue mich, Autofahrer zu sein und nicht auch noch mit der U-Bahn durch eben diesen U-Bahnhof nach Hause fahren zu müssen.

In den Folgetagen beginnt die psychologische Anpassung. Analysieren, aktzeptieren. Lachen, lochen, abheften. Menschen sind alle verschieden, aber ich weiß von mir, dass ich in den Tagen nach diesen Einsätzen ein ungeduldiger Idiot bin, der sich aber wieder fängt. Kriegen Sie dies nicht gebacken, wird das zu einer Anpassungsstörung. Wenn es anfängt, ihren Alltag zu beeinflussen. Ganz blöde: wenn sie Panik kriegen, weil sie diese gelb-orange Farbe Westberliner U-Bahnfahrzeuge triggert. Das wäre wirklich schlecht. Frühe Intervention kann viel retten. Zwei weitere Stücke meines Dankbarkeitskuchens gehen hier an zwei Kollegen aus dem nah- und fernbereich, welche mich in den nachfolgenden Tagen unterstützen, zuließen, dass ich mich mal so richtig (auch über andere Dinge) auskotzen konnte, die mit mir ihre warmen Decken der menschlichen Solidarität teilten oder auch einfach nur da waren. Danke!

Ich bedanke mich auch bei den vielen Mitarbeitern von BVG und S-Bahn Berlin, die derzeit wieder viel in der Kritik stehen. Sie gehören zu den Menschen, die diese teils wunderbare Stadt am Laufen halten und dafür eine ganze Menge ertragen müssen.

Glücklicherweise triggern mich keine Farben. Ich bin seit dem auch bereits U-Bahn gefahren und war nur durch die Crackraucher im Nichtraucherbereich pikiert. Man wird halt doch irgendwann ein konservativer Sack, wie mir scheint. Aber es hat sich ein feines Netz U-Bahnstaub über ein sowieso schon melancholisches Gemüt gelegt; eine gewisse, nicht ganz unangenehme, Schwere macht sich breit. Meine Tage vergehen langsamer, ich nehme sie bewusster war. Das vergeht vielleicht. Ich träume nicht vom dem Tag, durch dessen Teil Sie mich hier begleiteten.

Aber so wie das Gehirn des Toten ist auch ein kleiner Teil von mir in diesem Kriechgang neben dem stadtauswärtigen Gleis geblieben.

Leben geht weiter. Keep on rocking.

RTW 42069 einsatzbereit.

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Hilfe:

0800 – 111 0 111

http://www.suizidpraevention-berlin.de

Im akuten Notfall: 112

Und kümmern Sie sich verdammt nochmal um ihre Mitmenschen!

FUCK

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