Abtrocknen nach dem Großabwasch rockt nicht. Daher: Prost!
Es ist ein Feiertag, haben Sie es mitbekommen? Ich bemerkte es, als ich, der Heide der ich bin, mit meinen zwei Wasserkästen vor einer geschlossenen Kaufhalle stand. Zusätzlich zu fehlender religiöser Bildung sind für mich als Schichtdienstmensch alle dreihunderfünfundsechzig Tage des Jahres potentielle Arbeitstage und -nächte.
Ich wünsche den Mitarbeitern des Einzelhandels einen schönen, arbeitsfreien Tag. Es war ja auch herrliches Wetter, nur um etwa 15°C zu warm.
Generell bin ich auch ein großer Freund der gesetzlichen Sonntagsruhe. Es muss einen Tag in der Woche geben, wo der generelle Konsum einfach mal angehalten wird und die daran angeschlossenen Werke dicht sind. Wo viele Familien einen gesicherten Tag der gemeinsamen Freizeit genießen dürfen – ob sie wollen oder nicht.
Sollte die gesetzliche Sonntagsruhe wegbrechen, sage ich Ihnen, dann werden restliche Arbeitszeitbeschränkungen auch bald danach den Weg des Abwaschwassers gehen. Gäbe es solche Regularien nicht, unsere alle Arbeitgeber (was für ein zynisches Wort) würden uns 365 Tage im Jahr vollbeschäftigen.
Gerne werden Schichtdienstler als Beispiel herangezogen, warum z.B. eine Kaufhalle bis Mitternacht aufhaben sollte. Und dagegen möchte ich mich hier entschieden wehren. Ich brauche das nicht. Ich brauche es nicht, dass Menschen unnötigerweise zu den gottlosesten Zeiten (da sind wir wieder bei der Theologie) unterwegs sein müssen, um ein durch simple Vorherplanung verhinderbaren Konsumwunsch zu ermöglichen. Arbeiten zu fiesesten Zeiten ist nachweisbar gesundheitsschädigend, warum zwingen wir Leute dazu?
(Because there is money to be made.)
Man könnte sagen, dass es ja Leute gibt, die vielleicht gerne sehr spät oder gar Nachts arbeiten. Gibt es. Absolut. Ich, zum Beispiel. Ich meide Tagdienste wie das Sonnenlicht (ha!). Und ich kann Ihnen sagen, dass ich trotzdem hier der Sonderling bin, obwohl alle Kollegen Nachtdienste zumindest gewohnt sind.
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Wir stehen, zusammen mit unserem Vorgesetzten, um den neuen Dienstwagen. Viel neue Technik, neuestes Fahrzeugmodell, viel Fläche etc pp.
Während ich zur Beifahrerseite gehe und durch die Scheibe in das Innere gucke, werde ich ermuntert, mich einfach reinzusetzen. Ich ziehe am Türgriff und zusammen mit der Fahrzeugtür tut sich meine persönliche Hölle auf.
Mit der drahtlosen Kommunikation können Kriege gewonnen, Frieden geschlossen, Gräben überbrückt, Informationen als Sprache, als Daten, über große Entfernungen gesendet werden. Und man kann mir damit den letzten Nerv rauben.
Mich starren ein Display, mehrere Tasten und zwei Drehknöpfe an. Das Fahrzeug hat ein Radio. Zum Empfang des Radioprogramms. Zum Musik hören. Ich schaue auf das Funkgerät und mir gehen etwa zwanzig Fragen durch den Kopf, von denen ich keine Stelle. Mein Vorgesetzter deutet stolz auf das Radio. Ein Kollege öffnet die Fahrertür, steckt den Kopf herein und freut sich. „Na schön, endlich mal ein Radio!“. Ich muss weg. Gucken, ob beim Selbsthilfewerkzeug weiter ein Klappspaten dabei ist. Wie im WK1.
Welche Musik wird laufen? Der unvermeidliche Rocksender mit dem nervigen Amerikaner? Oder die Boomermusik des Besten aus den….
(jaja bla bla das Musikradioprogram bashen ist normalerweise simpel, aber außer vier Musiksendern, kenne ich bisher quasi keine und das darf gerne auch so bleiben.) Was ist, wenn der Funk läuft? Wird das Radio dann leiser? Kann man das wieder ausbauen? Hat das Radio eine eigene Sicherung? Wo laufen denn die Kabel lang? Was würde denn passieren, wenn da Lötzinn reinlaufen würde?
Mein eigenes Auto hat kein Radio. Ab Werk. Hat nichtmal eingebaute Lautsprecher. Ich mag das. Ich fahre gerne Auto und ich mag es, mich dann vollkommen darauf zu konzentrieren. Auf das Fahrzeug selber, auf den Verkehr, auf die Stadt, die auf meinem Arbeitsweg herum sich verändert.
Neulich wurde ich an eine andere Einheit ausgeliehen und der Wagen hatte Radio, was mein junger Kollege, den ich sogar mit ausbilden durfte, sehr schätzte. Da ich an diesem Tag am Steuer saß, gab es einen Kompromiss: Radio ist okay, wenn der Funk gehört werden kann und nicht bei schnellen Fahrten. Geht das Blau an, geht das Radio aus.
Die Genossin, mit der ich einen sehr schönen Teil meines Lebenslaufes teilen darf, musste sich auf einer urlaubsreise Klassikradio antun lassen.
Ich muss herausfinden, wie das Radio im Dienstwagen nur Klassikradio spielt. Sonder- und Wege- und Tschaikovsky.
Ich gehöre nicht zu den Leuten, die ihren Musikgeschmack für besser befinden. Da halte ich es mit Friedrich dem Zwoten: Jeder nach seiner Facon.
Ich mag es einfach nur nicht, ungefragt und dauerhaft beschallt zu werden. Dazu kommt, dass mich Musik wirklich fast jedes Mal irgendwie ablenkt. Musik kann für mich fast nie irgendwie im Hintergrund laufen, es drängt sich immerwieder in meine bewusste Wahrnehmung. Wenn Sie mich psychisch so richtig fertig machen wollen würden, dann würden sie mich entweder nur noch Tags (am besten früh) arbeiten lassen und/oder mich in einen engen Raum mit Dauermusikbeschallung stecken.
Und genau das wird jetzt passieren.
Aber ich habe Hoffnung, dass weitere Kompromisse geschlossen werden können. Denn ich kann die Kollegen ja verstehen. Die sind ja nicht der Sonderfall, sondern ich.

