Ich gebe zu meiner Scham zu, dass meine Kenntnisse der polnischen Sprache sich auf wenige Einzelworte beschränken. Einige davon sind nicht Jugendfrei. Immerhin ist Polen unser direkter östlicher Nachbar, da sollte man eigentlich etwas mehr Sprachkompetenz aufbringen. Viele grenznahe Polen sprechen dafür passables Deutsch! Und guten Wodka machen unsere Nachbarn auch!
Aber um unsere polnischen Genossen hier etwas zu würdigen, betrachten wir ein Produkt der Państwowa Fabryka Wagonówaus (dt.: Staatliche Waggonbaufabrik) aus Wrocław. Der Personenwagen Pafawag 3AW wurde von 1957 bis 1960 vor allem für Sowjetische Schmalspurbahnen produziert, einige Exemplare fanden aber auch auf polnischen Strecken Verwendung. So weit meine Kenntnis reicht, betrug die Spurweite aller 3AW 750mm und das, nun ja, das wäre in 1:87 ja die Spurweite 9mm, also H0e! Was für ein Zufall.
Was für ein Zufall auch, dass sich hier zwei Bausätze dieses Wagens im Maßstab Eins zu Siebenundachtzig einfanden!

Das Original kommt aus Polen, fuhr in der Sowjetunion und deren Nachfolgestaaten (vor allem der Ukraine) und der Bausatz stammt aus der Ukraine und wird in Deutschland zusammengesetzt. Ein kleines Signal für die Völkerfreundschaft, an der es derzeit sehr akut mangelt!
Wenn Sie den Bausatz bei https://rtmodels.com.ua/ bestellen, dann bringen Sie etwas Geduld für die Lieferwege mit. RTM versendet die Ware schnell und es ist erstaunlich, dass der ukrainische Zoll sogar unter Kriegsbedingungen zügig arbeitet – was man vom deutschen Zoll in Frankfurt/Main nicht sagen kann. Das Paket von drei Bausätzen (2x Wagen plus noch was anderes) wurde somit auch einmal am Bestimmer vorbei durch die halbe Republik transportiert, um dann wieder eine Retoure Richtung Märkische Sandkiste zu machen.
Der Bausatz besteht aus dem Wagenkasten selber, welcher bereits schön detailliert ist und Vorbohrungen für mannigfaltige Details, wie z.B. Haltestangen und Bremsschläuche, aufweist. Der Wagenkasten wird wohl ein Spritzgußbauteil sein. Vor allem im Fensterbereich müssen einige Grate entfernt werden, was mit einem guten Bastelmesser aber sehr zügig und komplikationsfrei vonstattengeht. Andere Wagenbauer mögen ihre Kästen vielleicht lieber aus den vier Wänden und dem Dach selber zusammensetzen, aber ich finde den Wagenkasten aus einem Guß sehr erfreulich. Haben SIe schon einmal einen KT4D-Bausatz von H&P zusammengesetzt? Die einzelnen Wände neigen nämlich bei dieser Bauweise, gerade bei dünnem Plastikmaterial, stark zum Verziehen und am Ende sieht das Modell, auch bei liberalem Einsatz von Verstärkungselementen, aus wie ein Unfallwagen.
Dazu gibt es eine Grundplatte, welche Vorbereitungen zum Anbau von weiteren Zusatzteilen unter dem Wagen und zum Einbau von mitgelieferten Sitzen im Wagen hat. Auch hier wurde auf Detaillierung geachtet. Der Wagenboden ist kräftig ausgeführt und nicht verzogen.
Zum weiteren Umfang gehören zwei Drehgestelle, Innenwände für das Bordklo, viele Details aus Ätzteilen und – und das finde ich ebenso erfreulich – vier Radsätze und Teile zum Bau einer europäischen H0-Standardkupplung. Hier erwäge ich, diese irgendwanneinmal durch Klauenkupplungen amerikanischer Hersteller zu ersetzen, weil diese den russischen automatischen Kupplungen des Originals im Aussehen und der Funktionsweise zumindest ähneln. Aber das ist Zukunftsmusik.

Einige Zurüstteile sind in größerer Menge vorhanden, als laut Plan benötigt, was sehr nett ist, sollte beim Bau dann doch etwas verloren gehen. Oder für die Bastelkiste!
Dazu kommen Decals für diverse Bemalungsvarianten. Es gibt einen rudimentären, aber vollkommen ausreichenden Bauplan (in Farbe uuuund Bunt!), der vor allem Besonderheiten beim Zusammenbau zeigt.
Den Bauprozess habe ich nicht wirklich photographisch dokumentiert, weil das auch irgendwann den Flow beim Zusammenbau stört.
Beide Bausätze werden gleich parallel gebaut. Als erstes nahm ich mir die Drehgestelle und Wagenböden vor und bemalte sie mit Pinsel und Acrylfarbe grau. Verwendet wird hier REVELL Panzergrau, was mein Standardgrau für den Unterbau von Rollmaterial ist. Das war außerdem eine schöne kleine, zeitbegrenzte Aufgabe, während die sozialistische Versorgungsorganisation ein exotisches Abendessen hoher Qualität für die Werktätigen des VEB Schwarzer Kaffee zubereitete.

Danach entfernte ich die Zubehörteile, wie Kupplungsaufnahme, Luftdruckbehälter der Bremsen und den Ausrüstungskasten vom Teileträger und bemalte diese wieder mit Acrylfarben (Panzergrau und ein Dunkelgrau). Das Zubehör kommt anscheinend aus einem 3d-Drucker, was der Qualität keinen Abbruch tut.
Als nächstes folgte ein kleiner Schritt für die Geschichte des Modellbaus, aber ein großer Schritt für den VEB Schwarzer Kaffee, Abteilung Waggonbau:
Das erste Mal wandte ich hier Airbrush an! Beide Wagenkästen wurden, nach Rücksprache mit dem heimischen Politbüro, in einem schönen Blau mit Emailfarbe per Airbrushset eingefärbt. Resultat: Luft nach oben gibt es immer! Aber der Erste Versuch wurde trotzdem aktzeptabel. Das schöne an Schmalspurbahnen, vor allem denen aus der Sowjetunion, ist, dass das Vorbild selber nicht immer akkurat war. Durch ein klein wenig zu viel Farbe mit zu viel Luftdruck bildeten sich an Stellen des Wagens so kleine Huckel in der Lackschicht. Kein Problem: Da hat wohl jemand im Bahnwerk Rostblasen einfach nur so übermalt! Unglaublich!

Emailfarbe sollte man viel Zeit zum Trocknen geben, daher kann erst am nächsten Tag die farbliche Behandlung des Wagendaches erfolgen.
Bis dahin steht der fahrfähige Zusammenbau der Wagenböden an.
Nachtragsbericht aus der Produktion:
Eigentlich wollte die Betriebsleitung größere Erfolge melden, aber bisher ist nur einer der beiden Wagenböden teilfertig, aber rollfähig!

Das Gerät mag keine engen Radien, was bei der Länge des Wagens auch nicht verwunderlich ist. Die Kupplungsaufnahmen, welche zusammen mit etwas Draht die Mittelpufferkupplung führen, brauchen etwas mehr Spiel, um auch im Betrieb auf größeren Radien locker führbar zu sein. Daher war es durchaus gut, erst einen Wagen rollfähig zu machen, so können beim zweiten Wagen Verbesserungen gleich von vorn herein verbaut werden.
Für den Bausatz benötigen Sie die allgemein zum Bausätze bauen nötigen Werkzeuge und Verbrauchsmaterialien (Bastelmesser, Pinzette, Pinsel, Farbe, geeigneter Klebstoff, Malerband) und zusätzlich einen feinen Kreuzschlitzschraubendreher für die Schrauben der Drehgestelle und eine kleine Zange zum Trennen diverser Drähte.
Beim Anschrauben der Drehgestelle sollte man die Schrauben nicht zu fest ziehen, um dem Drehgestell auch Nickbewegungen zu ermöglichen, wodurch der ganze Wagen auch unebene Gleise besser toleriert.
Bringen Sie für den Einbau der Kupplung etwas Geduld mit, hier muss ein sehr feiner Draht verbaut werden. Die Aussparung in der Kupplungsführung sollte vor dem Einbau etwas erweitert werden.
„Ab Werk“ sitzen die Radsätze sehr fest in den Achslagern. Ich hoffe, dass sich das nach ein paar Runden um ein auf dem Wohnzimmertisch aufgebautes Testoval etwas gibt, ansonsten wird das Achslager innen ganz vorsichtig vergrößert.
Den Anbau weiterer Details, welche sich unter dem Wagenboden finden, habe ich vorerst unterlassen, bis ich mit den Rolleigenschaften des Wagens zufrieden bin.
Also bleibt jetzt nur: Probefahren!
Bleiben Sie auf Empfang (Analog 510W/U)!
Fazit des Tages: Schwerter zu Pflugscharen!

