Willkommen in der Zukunft des Jahres 2024. Es ist Sonntag.
Es gibt absolut nichts zu tun.
Das sieht mein intermittierend schizoider Arbeitgeber wahrscheinlich anders, aber der ist gerade weit weg und work from home gibt es in meinem Berufsfeld nicht. Das hat immerhin den Vorteil, dass ich, abgesehen von den halbwegs regelmäßigen Anrufen des AG („Heute noch eine Nachtschicht übernehmen?“ Nein.), zu Hause den Arbeitsplatz (meinen Kampfplatz für den Frieden) auch hinter mir lassen kann.
Es gibt, abseits der Fabrikation eines verdaulichen Sonntagsessens, absolut nichts zu tun. Kein Putzen, keine Wäsche, minimalster Abwasch. Keine Steuererklärung, keine KfZ-Versicherungsanpassungen, keine Miet-zahlungen, keine Bundes- oder Landtagswahlen.
Einkäufe, Besorgungen, Banktermine entfallen ob der gesetzlichen Sonntagsschließung.
Setzen Sie sich mal hin! Mit Blick auf ein Fenster, aus dem Sie auch etwas mehr sehen, als vielleicht das nächste Haus. Und schauen Sie einfach mal. Ja, es gibt auch noch Vögel, die hier überwintern. Sie kreisen. Auf Nahrungssuche. Gesetzen der Natur folgend, die auch eine CDU-Verfassungsbeschwerde nicht kippen können würde.
Und höhren Sie das? Ja?
Höhren Sie mal hin!
Nichts!
Stille.
Der verdammte Kühlschrank gluckert kurz, surrt dann so, wie ich mir das Surren einer sowjetischen, automatischen Mondlandesonde vorstelle. Irgendwer muss ja immer Lärm machen. Und dann wieder….
Stille.
Die Sonde würde man auf dem Mond wegen der fehlenden Athmosphäre auch nicht höhren.
Während ich mich auch kurz freue, keine Fahrzeuge (auch keine schienengebundenen), kein Lärm erdulden zu müssen, kommt dann doch der nächste Störenfried. Sogar die eher lärmerprobten Vögel lassen sich, an diesem der ruhigsten Sonntage des bisherigen Jahres, davon verscheuchen. Die Vogelfliegerrotte probt den Alarmstart am Fliegerhorst. Raus aus dem Shelter, an die Last Chance und dann volle Nachbrenner. Eindringling entdeckt. Gefahr. Viper Two Six, you are cleared for unrestricted climb.
Denn wie es nicht anders sein kann brettert natürlich der Rettungswagen der städtischen Berufsrettung („Gnä‘ Frau, mit so anem Aboplex fahn wa Sie mal ins Spital!“) mit Sondersignal durch das Viertel. Bzw., er brettert nicht. Denn dann wäre es ja wenigstens schnell vorbei. Nein, es wird langsam gefahren, Einsatzhorn trötend. Adresse suchen.
Adresse gefunden. Ruhe. Es kommt der Notarzt hinterher. Ohne Horn.
Aber lassen wir die Leute arbeiten.
Lenin fragt: „Was tun?“
Und ich antworte: Nichts. Heute nicht, lieber Wladimir. Heute muss auch die Revolution warten.
Hobby? Keine Lust. Eine kleine Rangieraktion bringt Freude für zwanzig Minuten, dann ist die Luft raus. Die vielen kleinen Nebenprojekte, die sich beim handelsüblichen Modellbahnmenschen ansammeln, versetzen mich auch nicht in Begeisterung. Ich habe auch immer ein bisschen die Furcht, so etwas zu verhauen, was wiederum die Schwelle, einfach mit etwas zu beginnen, höhersetzt. So bleiben die 3d-gedruckten Rohlinge von zwei kleinen Diesellokomotiven, Pinsel und Farben, Draht, der bereits vorhandene Motor um alles in Bewegung zu setzen, in der Bastelkiste. Der VEB Wagenbau „Schwarzer Kaffee“ hat sozialistischen Feiertag.
Manchmal hat man eigentlich durchaus Motivation für Bastelarbeit. Aber dann fällt einem ein, dass man dazu vielleicht noch mehrere Vorarbeiten erledigen müsste, um tatsächlich auch ein gutes Resultat zu erhalten. Oder es würden sich Nacharbeiten anschließen, die auch zeitnah zu erledigen wären, weil spätere Korrekturen aufwendig oder gar kostenintensiv wären.
Einerseits…, andererseits…
Die Temperaturen bewegen sich genau in dem Bereich, der einen grauen Tag wirklich unangenehm macht. Kalt, aber dennoch zu warm. Eine Nässe, die auch in die richtig gewählte Bekleidung kriecht. Geschlossene, tiefe Wolkendecke, kein VFR-Wetter. Ungemütlich, sogar für die Herbst und Winter liebenden Genossen. Die täglich nötige Dosis körperlicher Aktivität wird auf den Abend verschoben, so ist es immerhin dunkel, aber nicht depressiv-grau.
Und es ist erst der frühe Nachmittag. Der Tag kommt mir ewig vor.
Wenn ich einen Garten hätte… dann würde ich da heute wahrscheinlich auch nichts machen.
Ich könnte Lesen. Etwas intelektuell wertvolles lesen („Goethe in Halberstadt“), was mich als Mensch voranbringt, zu meiner Aufklärung, zur Vollendung der eigenen Mündigkeit beiträgt. Tatsächlich stapeln sich um die fünf Bücher, die noch angefangen werden wollen und drei, die sich nach Vollendung sehnen. Aber auch hier: die Lektüre weilt nicht lang. Ist Arthur C. Clarke mir böse, wenn ich das von ihm verfasste Werk wieder auf den Stapel lege?
Mr. Clarke, ich möchte Ihnen aber mitteilen, dass es mich zum Tagträumen anregte. Durch die Glastür und über die Balkonbrüstung hinweg gucke ich auf die graue Welt, die sich heute nicht zu bewegen scheint. Drehen sich die Planeten auch heute um die Sonne? Ich stelle mir vor, auf dem Merkur zu stehen. Es ist Stille (keine Athmosphäre da draußen, remember!?). Die Sonne ist riesig. Heiß. Der schönste Atomofen von allen. Sie gab es lange vor mir, vor diesem Sonntag; sie wird es lange nach diesem Sonntag geben. Hoffentlich.
Meine Gedanken reisen weiter. Es ist laut. Windig. Ätzend. Hoher Druck, keine Wanderwege. Es ist schön hier. Auf jeden Fall schöner als, zum Beispiel, Spandau oder Prenzlau oder Neumünster oder Düsseldorf oder Hannover.

Mit 464°C ist das hier ein ziemlich heißer Venushügel. Die Zusammensetzung des lokalen Microclimates würde Fridays for ze Future nicht gefallen. Meine Ohren knacken. Das Equivalent 92 irdischer Athmosphären drücken auf meine Trommelfelle. Ich schaue herauf. Der Himmel sieht wirklich genauso aus, wie der über meinem Balkon, nur etwas gelblicher. Ich tanke Wärme, denn es geht gleich weiter. Es wird gleich kalt. Kälter aus draußen vor meinem Balkon.
Noch Mitte der letzten Woche dachte ich bei einem Gefahrenbremsmanöver, welches mich gut in meinen Gurt drückte, mit viel Melancholie, dass ich diesen Planeten Erde wohl nicht mehr verlassen werde. Und jetzt bin ich hier. High-G burn zwischen den heliozentrischen Umlaufbahnen der Venus und des Saturn. Ich lasse die Erde hinter mir, den Mars (die alte rote Socke!) und seine zwei kleinen Genossen.
Kieselsteine. Im Vergleich zu vielem, was sonst so rumfliegt ist mein nächstes Ziel ein Kieselstein. Beziehungsweise eine Anhäufung von Kieselsteinen, Eis, und galaktischen Staubflusen. Zusammengehalten durch lokale Mikrogravitation. Formen jenseits der langweiligen Rundungen der Planeten, spannende Kombinationen verschiedenster Grautöne. Ich steige in ein kleines Tal. Der Kieselstein dreht sich so schnell, dass der Sonntag hier sehr schnell vorbei ist. Er dauert ganze dreißig Minuten. Nichtmal genug Zeit, um vor Montag auszukatern. Und dann ist auf einmal schon wieder Sonntag, an dem nichts zu tun ist. Außer hier zu sein.
Es gibt Kieselsteine, die brechen ob ihrer Rotation außeinander. Die Revolution frisst ihre Kinder. Meine Wanderstiefel hinterlassen im Geröll Spuren, die vielleicht noch in mehreren hundert Jahren zu sehen sind. Sie werden, zusammen mit dem Kieselstein, mich überdauern.
Das Eis hier schmeckt nicht, von der Geschmacksrichtung Regolith kann ich nur abraten.
Ich reise weiter. Ohne Ziel. Ohne Umlaufbahn. Abstand gewinnen. Saturn und Jupiter sind mir zu bevölkert, es fliegt dort in – kosmisch gesehen – kleinen Arealen zu viel herum. Schlimmer als im Berufsverkehr. Und dann, irgendwo auf Höhe der Umlaufbahn des Neptun: zurück schauen lohnt sich.

Dieser kleine blaue Punkt. Dort befinden sich 12.512 (Zwölftausendfünfhundertundzwölf) Atomwaffen, dafür aber leider nur 1.864 Pandabären, Nudelauflauf, Keith Richards, meine Kaffeemaschine (systemrelevant!), der Porsche von Christian Lindner (im Halteverbot, naja), 11.615 Boeing 737 aller Unterkategorien, die Modellbahn, mein Balkon. Und von so weit weg ist es auch alles sehr egal, sogar Christian Lindner, auch wenn er es selber vielleicht nicht glauben mag.
Und auch so ein Sonntag ist es. Tätigkeit muss nicht enfaltet, Kreativität nicht ausgelebt, Sport nicht getrieben und der Abwasch nicht gemacht werden. Es ist egal.
Es ist Sonntag. Da ist nichts zu machen.

