Wir werden doch kein EVU


Vorwort

Ich blicke auf mögliche Vorbilder und die Ausführung meiner geplanten Wohnzimmerbahn.

Rekapitulation: Im letzten Beitrag haben wir kurz geklärt, was heutzutage ein EVU ist. Außerdem besprachen wir die absoluten Grundlagen einer Modelleisenbahn.

Jetzt fiel mir auf, dass zumindest der erste Teil etwas irrelevant ist. Weil, während man sich sicherlich nicht auf ein Modellthema oder -zeitraum beschränken muss und fröhlich mit allem fährt und bastelt, worauf man so in dem Moment Lust hat (absolut legitim), habe ich mich durchaus für ein engeres, aber nicht zu einschnürendes, Thema entschieden.

ALSO, ES GIBT DA DIESE LÄNGSTE BAHNSTRECKE DER WELT…

Und für dieses Thema gehen wir einerseits zurück in eine Zeit vor dem Eisenbahnneuordnungsgesetz ENeuOG von 1993 und andererseits in eine Region, in der das bundes-deutsche AEG von 1951 zum Zeitpunkt der Verabschiedung durch den deutschen Bundestag gar keine Zuständigkeit entfaltete.

Frage: wie hießen vor 1991 die drei Weltmächte? Antwort: USA, UdSSR, Unsere DDR.

Ja, es geht zurück in ein Land vor unserer Zeit, voller Dinosaurier, Plaste, Plonübererfüllüng, Trabanten, Kita-Vollbetreuung und so weiter und so fort.

Keine Sorge, der „Ostalgiegedanke“ (Ostalgie ist so ein furchtbares Wort, dass es hier voraussichtlich das letzte Mal in diesem Blog vorkommen wird. Aber: Keine Garantie!) steht eher nicht im Vordergrund, aber da mein kleines Projekt in der Region und auch der Zeit angesiedelt ist, in der dieser Staat bestand, kommt das Leben in der ehem. Sowjetischen Besatzungszone, der Deutschen Demokratischen Republik, nun einmal vor.

Wohin geht die Reise?

Wir fahren für fuffzehn Ostmark mit einem D-Zug von Berlin-Hauptbahnhof (jetzt Ostbahnhof) Richtung Norden nach Pasewalk und steigen dort in den Personenzug Richtung Anklam, der an jeder Gieskanne halten wird. Irgendwo da steigen wir aus und es geht, je nachdem wie Sie das mögen, entweder mit dem Fahrrad oder einem DDR-KfZ der Marke Wartburg weiter. Nach 1977 könnte es sogar einer dieser tollen Lada Nivas sein, ich hörte, die sind Klasse!

LICENSE, REGISTRATION AND PROOF OF INSURANCE, PLEASE!

Wir fahren also in den nordöstlichen Bereich des heutigen Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern, des zu DDR-Zeiten 1952 geschaffenen Bezirkes Neubrandenburg. Nachbilden möchten wir dazu im Engeren einen Zeitraum von etwa 1960 bis 1980. Das sind 20 Jahre Zeitspanne, in denen sich natürlich eine Menge verändern kann. Im weiteren Sinne wird eine Strecke abgebildet, welche so, oder so ähnlich, ab den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts Bestand haben hätte können.

Simpler Grund dafür ist, dass es ein Teil meiner Heimat ist, in dem ich viel zu selten bin. Eine Landschaft, dich ich als schön und beruhigend empfinde und mit der ich schöne Erinnerungen aus Kindheit und Ausbildung verbinde.


Was wird gebaut?

Ich baue eine Modelleisenbahnanlage im Maßstab 1:87. Zeitraum ca. 1960 bis 1980 in Vorpommern, künstlerische Freiheit ist zu meinem eigenen Spaß erlaubt. Das sollten Sie sich hier gleich notieren, weil auch, wenn ich es gerne thematisch etwas passend habe: Ein Nietenzähler bin ich keinesfalls.

Die Spurweite wird 9mm betragen. Das sind in der großen weiten Welt da draußen in etwa 750mm Spurweite. Schmalspur. Das hat einfache Gründe: Während ich selbstverständlich gerne auch eine DR-Nebenbahn, schön mit V100 und Reko-Vierachsern, nachbilden würde, bietet so eine kleine bis kleinste Kleinbahn auch auf kleinem Raum gute Betriebsmöglichkeiten. Sogar in dem Zeitraum, in dem der Niedergang dieser Kleinbahnen ob der Konkurrenz durch den Lastkraftwagen und den Kraftomnibus schon beschlossene Sache war. Zusätzlich haben es mir diese kleinen Bahnen irgendwie angetan. Ich kann Ihnen nichtmal sagen, warum. Vielleicht, weil man hier so vieles hands-on erledigte, Improvisation und Kreativität gefordert wurden.

Der eisenbahnhistorisch vorgebildete, hypothetische Leser mag hier schon einen Vorbildverdacht hegen, gab es doch diverse davon in dieser Region.

BAHNSTRECKEN IN MECKLENBURG-VORPOMMERN, NOV-2023 (openrailwaymap.org)

Da ist einerseits natürlich die 1888 gegründete Mecklenburgisch-Pommersche Schmalspurbahn MPSB, mit ihrem weitläufigen Streckennetz von (in größter Ausdehnung) 200km; von Friedland auf der großen Wiese bis Ferdinandshof. Spurweite 600mm. Sicherlich werde ich mir hier Anregungen mitnehmen, es bietet sich ja geradezu an! Angeschlossen an die MPSB waren, vor allem in der Zeit vor den 60ern, zahllose kleine Anschlusstrecken zu Gehöften und Feldern. Die Agrarernte wurde per Schiene abtransportiert. Ende der 1960er beendete die Deutsche Reichsbahn den Betrieb, die Strecken wurden abgebaut. Der W50-LKW hatte die Lenz-Lokomotiven endgültig ersetzt.

MPSB-LOK 18 MIT PERSONAL

Gleich nebenan gab es die Anklam-Lassaner Kleinbahn, gegründet 1895. Ebenfalls 600mm Spurweite, bestand doch im Laufe der Betriebsgeschichte ein Anschluss an die MPSB. Für die ALKB war 1945 Schluss. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges in Europa wurde die Bahn als eine der vielen Reparationsleistung für den deutschen Vernichtungskrieg in der Sowjetunion abgebaut und abtransportiert. Bereits vorher brach das Transportvolumen dieser Kleinbahn massiv ein. Diese Bahn sollte ursprünglich mal mein engeres Vorbild für „die Modellbahnplatte“ werden, aber mir fiel sehr früh auf, dass ich die Nazi-Zeit von 1933 bis 1945 auf gar keinen Fall in meinem Wohnzimmer haben wollte und ich die Darstellung des Zeitrahmens davor für mich als zu kompliziert empfand, zumal die Quellenlage hier durchaus dürftig ist. Und wir reden noch nicht von Rollmaterial oder Gebäudebausätzen.

Südlich davon gab es die Demminer Bahnen. Ab 1893 erbaut, erbrachte dieses 63km-streckenlange Bahnnetz Leistungen im Bereich des damaligen Landkreises Demmin (wer hätte das gedacht). Spurweite 750mm, würde also sehr gut zu gängig erhaltbaren Roll- und Gleismaterial passen. Für mein regionales Interesse lag die Bahn aber zu weit westlich.

In der Stadt Ueckermünde am Stettiner Haff gab es eine etwa 5km-lange Ziegeleibahn, welche wohl bis zur „Wende“ 1990 bestand hatte. 600mm Spurweite. Durchaus zum Nachbau geeignet; ein eigenes kleines Projekt hierzu würde sich garantiert lohnen. Hierfür würde man wahrscheinlich die Feldbahnen des Herstellers Busch in H0f (wir reden nochmal über Schmalspurweiten, irgendwann, garantiert und auch über die Busch-Feldbahnen) gut nutzen können. Allerdings war mir hier der Betrieb zu einseitig. Loren mit Torf zur Ziegelei, Loren leer zurück zum Moor. Dazwischen betriebliche Fahrten zum Streckenunterhalt. Das wars.

Diverse Kilometer südlich davon gab es von 1892 bis Anfang der 1960er die „Schmalspurbahn Klockow–Pasewalk Ost“. 16km lang. Es bestand ein mannigfaltiger Güterverkehr, u.a. für die umliegenden Höfe und Dörfer, als auch Personenverkehr. Die Bahn begann als Pferdebahn für die Landwirtschaft und wurde 1900 von 700mm auf 750mm umgespurt. Jetzt kamen auch zwei kleine Dampflokomotiven des Herstellers O&K zum Einsatz. Das Startkapital für diese Bahn waren atemberaubende 120.000 Mark! Diese Bahn kommt meinen Vorstellungen doch sehr, sehr nahe.


Und was machen wir jetzt?

Wir nehmen uns ein schönes hohes, aber schmales Glas und mixen uns einen Drink. Einen Schmalspurmojito! Verbrauchertipp: Wenn Sie keinen Alkohol mögen, dann ersetzen Sie einfach den Rum und das Sodawasser durch Ginger Ale. Ich nenne es den „Nojito“.

Etwas MPSB, ein Schuss ALKB, eine Prise Demminer Bahnen und ganz viel Klockower Schmalspurbahn. Und damit setzen wir uns jetzt an die Südküste des Stettiner Haffs. Denn ein bisschen Hafenflair muss schon sein.

Und weil ich jetzt schon mehrere Mojitos hatte, machen wir an anderer Stelle weiter!

Nasdarowje!

Bildnachweis:

Transsib: Flickr, Artem Svetlov, CC-BY

MPSB-Lok18: Unbekannter Autor, 1935, public domain

alle anderen Bilder: der Autor, CC-BY


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